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„Der Wert des Menschen“ im Kino : Ein Kampf um die eigene Würde

Er weiß wie es ist, ganz unten zu sein: Vincent Lindon als Thierry Taugourdeau in dem Film „Der Wert des Menschen“. Bild: temperclayfilm/dpa

Der Kinofilm „Der Wert des Menschen“ von Stéphane Brizé schildert den Kampf eines Mannes mit den Regeln des Markts. Er macht aus einem alltäglichen Fall großes Kino.

          Ein Film in Cinemascope, dem Format für Schlachtfelder und Ozeane. Und eine Geschichte über einen Mann, der sich klein macht, um zu überleben, der auf den Markt geworfen wird und dort lernt, sich selbst zu verkaufen, nach den Regeln, nach denen die Ware Mensch gehandelt wird. „La loi du marché“ heißt der Film im französischen Original, und die Spannung zwischen dem Format, das nach Helden schreit, und der Story, die eine Demütigung an die andere reiht, ist eine der Kraftquellen, die ihn antreibt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die andere ist die Besetzung. Stéphane Brizé, der Regisseur, hat fast ausschließlich Laien vor die Kamera geholt, die das, was sie darstellen, auch im Leben sind: Der Arbeitsamtsangestellte arbeitet wirklich im Arbeitsamt, der Supermarktleiter ist ein Supermarktleiter, die Kassiererin eine Kassiererin. Nur Thierry, die Hauptfigur, wird von Vincent Lindon gespielt, dem Star des französischen Kinos, dem Mann, der für Claude Lelouch und Claire Denis und Cédric Kahn und zuletzt für Benoît Jacquot im „Tagebuch einer Kammerzofe“ Leute gespielt hat, die ihre Rechnung mit dem Schicksal begleichen. Er habe einen Schauspieler gebraucht, der durch seine Präsenz eine Aura der Fiktion erzeuge, hat Brizé erklärt, und diese Verschmelzung des Fiktiven und des Realen in Lindons Figur und in seinem Zusammenspiel mit den anderen Darstellern ist vielleicht das größte Wunder des Films: Dass eine Geschichte, die so alltäglich und protokollhaft daherkommt, zugleich in jedem Augenblick Kino, großes Kino ist.

          Mit Geduld für Details

          Eines der Geheimnisse des Films ist seine Geduld für Details. An welchen Werkzeugmaschinen er in seiner alten Position gearbeitet habe, wird Thierry bei seinem ersten, per Skype geführten Bewerbungsgespräch gefragt, und ob die Benutzerschnittstelle eine HMI 7 oder 8 gewesen sei, und er gibt auf alles ausführlich Antwort, obwohl die Stimme aus dem Laptop ihm längst eröffnet hat, dass er mit seinem schwunglos geschriebenen Lebenslauf für die Stelle kaum in Frage kommt. Auch in der Szene, in der Thierry und seine Frau ihr Ferienapartment an ein anderes Ehepaar zu verkaufen versuchen, weil das Arbeitslosengeld nicht reicht, werden sehr gründlich die Vorzüge und Makel des Objekts verhandelt, die einen wollen den Preis drücken, die anderen ihn halten, am Ende platzt der Deal.

          Die Kritiker in Cannes, wo Vincent Lindon den Darstellerpreis gewann, haben sofort den Vergleich mit den Dardenne-Brüdern gezogen, aber vielleicht kommt man der Sache näher, wenn man an amerikanisches Kino denkt, an Scorseses „Raging Bull“ oder an Al Pacino in „Glengarry Glen Ross“. Es sind Stationen eines klassischen Kampfes um Würde, die hier gezeigt werden, nur die Fallhöhe hat sich vermindert, die Wohnung, deren Raten nicht abbezahlt sind, ist das letzte Bollwerk vor dem Sturz ins Leere. Als er in einem Supermarkt als Detektiv angestellt wird, kann Thierry dann jene, die schon fast ganz unten sind, aus der Nähe betrachten, sie klauen aus den Regalen oder sitzen an der Kasse und horten Rabattmarken, und wenn er ihnen ins Gesicht schaut, sieht er sich selbst.

          Es gibt ein Kino der Illusionen, und es gibt ein Kino der Realität, und beide, die Traumspiele und die Alltagsbilder, gehören zum Reichtum des Mediums. Aber wenn man sich fragt, worin sich seine eigene Würde erweist und sein historischer Sinn, dann sind es nicht die technischen Feuerwerke, sondern die Spiegelungen der wirklichen Welt. Also nicht „Krieg der Sterne“. Sondern „Der Wert des Menschen“. Für uns.

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