https://www.faz.net/-gqz-9tudp

Kinofilm „Der Leuchtturm“ : Unter dem Tosen des Windes

  • -Aktualisiert am

Eine Welt, durch die der Wind tost: Willem Dafoe als Thomas Wake (links) und Robert Pattinson als Ephraim Winslow Bild: AP

Körperkampf zwischen Konzeptkunst und Trash: „Der Leuchtturm“ von Robert Eggers ist ein Horrorfilm, der von der Feindseligkeit zwischen Willem Dafoe, Robert Pattinson und der schroffen Natur lebt.

          2 Min.

          Thomas Wake und Ephraim Winslow – das sind die Namen zweier Männer, die gemeinsam einen wichtigen Dienst versehen. Sie sind Wärter bei einem Leuchtturm im westlichen Atlantik, an einer Felsklippe an einem der Ausläufer von Nordamerika. Ihre Namen deuten schon an, dass sie einer anderen Zeit angehören, einer Zeit, die noch tief in altertümlichen Ordnungen verwurzelt war. Das 19. Jahrhundert, das Robert Eggers in seinem Film „Der Leuchtturm“ aufruft, ist offenkundig biblisch grundiert und dabei so bewusst literarisch, dass man selbst hinter den beiden Namen der Hauptfiguren einen spielerischen Akzent vermuten könnte. Thomas, der ältere der beiden Männer, wäre dann eher das Neue Testament im Vergleich zu Ephraim, der nach einem der Söhne Jakobs benannt ist und der in dieser Schauergeschichte eindeutig der erlösungsbedürftigere ist.

          Nicht, dass Eggers irgendetwas in diese allegorische Richtung auch wirklich ausbuchstabieren würde. Er entwirft eine Welt, die zugleich in einem elementaren Sinn konkret und in einem kulturellen Sinn höchst resonant ist. Eine Welt, durch die der Wind tost wie eine metaphysische Gewalt und in der Halt nur findet, wer sich von den trügerischen Erscheinungen zwischen Meeresspiegel und Himmelskörpern nicht verrückt machen lässt. Ephraim ist dabei deutlich stärker gefährdet, aber das hat wohl auch mit seiner Rolle zu tun.

          Er ist der Neuling, er soll dem alten Tom Wake zur Hand gehen, zuerst einmal kommt er aber über niedrige Dienste wie das Ausleeren der Nachttöpfe nicht hinaus, und auch das erweist sich als eine schwierige Aufgabe angesichts einer feindlichen Natur, die am liebsten alles zurückwirft, was man gern loswürde. Ephraim spürt auch die Einsamkeit. Sein Geschlechtstrieb macht ihm zu schaffen, und es ist nicht ganz klar, ob seine Phantasie die Meerjungfrau anlockt, die er manchmal zu sehen meint, oder die Vögel, die sich mit ihren Schnäbeln über alle Weichteile hermachen, die irgendwo anfallen.

          Abends und nächtens und wenn das Wetter wieder einmal unmöglich ist, also häufig, sitzen Tom und Ephraim dann in der Stube und versuchen miteinander auszukommen. Robert Eggers hat die beiden Rollen pointiert besetzt, ein Gutteil der Energie des Films kommt schon allein aus der Paarung von Willem Dafoe und Robert Pattinson. Dafoe ergötzt sich geradezu an diesem Thomas Wake, den er mit Reibeisenstimme und flackernden Augen zu einer dubiosen Autorität macht – er hat vielleicht schon ein paarmal zu häufig direkt in das Licht des Scheinwerfers gestarrt, zu dem er Ephraim keinen Zugang erlaubt.

          Robert Pattinson dagegen hat sich nach seinem Durchbruch mit den „Twilight“-Filmen auf eine Odyssee durch das Autorenkino begeben, die ihn mit David Cronenberg, Claire Denis und James Gray zusammengebracht hat und nun eben in einen Horrorfilm, der aussieht wie eine Mischung aus Konzeptkunst und Trash: „Der Leuchtturm“, gefilmt in künstlich gegerbtem Schwarzweiß und unterlegt von einem höchst artifiziellen Höllenlärm, steht auf einem Experimentierfeld, auf dem das älteste Kino (das Alte Testament nach Thomas Edison) auf das Neue Testament der digitalen Postproduktion trifft. Dafoe und Pattinson halten nach Kräften ihre Leiber dazwischen.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          In der chromatischen Schleife

          „Midnight Gospel“ bei Netflix : In der chromatischen Schleife

          Die Animationsserie „Enthüllungen zu Mitternacht“ hat galaktischen Tiefgang. Sie ist so abgedreht und philosophisch verwegen, dass man Augen und Ohren offenhalten muss, um mitzukommen. Und sie geht direkt ans Herz.

          Topmeldungen

          „Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun“, schrieb Drosten über die Anfrage der „Bild“

          „Bild“ gegen Drosten : Die versuchte Vernichtung

          Die Kampagne der „Bild“-Zeitung gegen den Virologen Christian Drosten legt vor allem eines offen: Das Desinteresse vieler an den Fakten für eine angemessene Pandemie-Politik.
          Haben verschiedene Vorstellungen vom „Wiederaufbau“: Angela Merkel und Sebastian Kurz

          Österreichischer Bankchef : Lob für Merkel, Kritik an Kurz

          „Einen wirklich großartigen Plan“ nennt der Chef der größten österreichischen Bank den Vorschlag, die EU solle gemeinsame Schulden machen und das Geld als Zuschüsse an Krisenstaaten vergeben. Bernhard Spalt geht damit auf Konfrontation zu Kanzler Kurz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.