https://www.faz.net/-gqz-9lk9a

„Birds of Passage“ : Matriarchalische Mafiasaga

Clan mit Regeln: Eigentlich haben hier die Frauen das sagen. Bild: MFA+

Was ein Pate für einen kriminellen Clan bedeutet, wissen wir aus dem Kino schon lange. Bei den Ureinwohnern Kolumbiens aber kann es auch eine Patin sein: „Birds of Passage“ erzählt davon.

          3 Min.

          Ursula erklärt ihrer Tochter die Regeln: Solange es die Familie gibt, gibt es Respekt. Wenn es Respekt gibt, gibt es Ehre. Wenn es Ehre gibt, gibt es das Wort. Und das Wort bedeutet Frieden. Die beiden Frauen sitzen in einer Holzhütte, durch die der Steppenwind pfeift. Ursula malt ihrer Tochter Zaida rote Kringel auf Stirn und Wangen. Wenn sie die Hütte verlässt, ist sie eine Frau und kann eine Familie gründen. Damit beginnt das Drama. Respekt, Ehre, Frieden werden zermahlen, bis nur noch Staub zurückbleibt.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Man sollte sich also nicht von den ruhigen Bildern der Steppenlandschaft zu Beginn von „Birds of Passage“ täuschen lassen. Das hier ist kein elegischer Arthouse-Film, das ist ein großes kolumbianisches Mafia-Epos. Man tut besser daran, dem Gespräch der Frauen zu vertrauen, denn wie Ursula schon erklärt hat, gilt das Wort – und damit ist man bereits mittendrin in der Kultur der Wayuu, auf deren Stammesgebiet im Norden Kolumbiens sich in den 1960er bis 1980er Jahren die Ereignisse zutrugen, die dem Film zugrunde liegen. Zaida (gespielt von der Kolumbianerin Natalia Reyes, die im Herbst im nächsten Terminator-Film zu sehen ist) manifestiert ihre Frauwerdung vor der Clangemeinschaft im Tanz. Ihr feuerrotes Gewand umfängt sie wie die Schwingen eines großen Vogels, als sich Rapayet tanzend in ihren Kreis wagt. Der junge Mann gehört nicht zum Clan. Die Trommeln werden schneller. Begehren blitzt auf. Erst in seinem Blick. Dann, als er mit ihrem Tempo mitzuhalten versteht, auch in ihrem. Als die Trommeln verstummen, flüstert er ihr zu: „Du gehörst mir.“

          Mit diesen drei Worten ist er charakterisiert. Getrieben von Gier, sucht Rapayet Sicherheit durch Besitz. Die Frau wird ihm nicht reichen. Doch da die Wayuu eine matriarchalische Kultur pflegen, versucht die Mutter das Schicksal noch abzuwenden. Sie trägt dem Brautwerber auf, eine Mitgift zu beschaffen, von der sie weiß, dass er sie unmöglich aus seinen Mitteln aufbringen kann. Doch Rapayet rechnet nicht nur auf den Besitz der Frau, er weiß, dass die Hochzeit mit Zaida ihm die Unterstützung ihres gesamten Clans einbringt.

          Beginnt einen Drogenkrieg: Rapayet (Jose Acosta, rechts)

          Sie ist seine Chance, ein besseres Leben zu führen. Also ergreift er die nächste Gelegenheit, an Geld zu kommen. Die bietet sich in einer Kneipe in Gestalt eines Amerikaners, der für das Friedenskorps durchs Land zieht. „Er sagt, er sammelt gegen den Kommunismus“, erklärt der Wirt. „Aber was die eigentlich wollen, ist Marihuana.“ Rapayet begreift schnell, verabschiedet sich vom Amerikaner mit: „Lang lebe der Kapitalismus.“ Und überredet seinen Onkel, dass er statt Kaffee von nun an Marihuana anbaut, das ihm den sechsfachen Preis einbringt.

          Es ist der Beginn eines Drogenimperiums. Bald schon werden die Maultiere, die „das wilde Gras“ von den Bergen hinuntertransportieren in langen Reihen gehen, Polizisten werden, dicke Bündel Bestechungsgeld entgegennehmen, Flugzeuge werden gekapert, ein Mann wird für Geld Fäkalien essen, und Zaida wird mit ihren Kindern in einem weißen Haus leben, das einsam in der Weite der Steppe thront. Bis Rapayet feststellen muss, dass Besitz keine Sicherheit, sondern nur immer mehr Gier mit sich bringt.

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.