https://www.faz.net/-gqz-9lk9a

„Birds of Passage“ : Matriarchalische Mafiasaga

Ciro Guerra und Cristina Gallego haben bereits den oscarnominierten „Der Schamane und die Schlange“ (2015) gemeinsam gedreht, einen Zweistundentrip in Schwarzweiß, in dem zwei Forscher Anfang des 19. Jahrhunderts die drogeninduzierten Weisheiten eines Indio-Stamms am Amazonas suchen. Schon damals entschieden sie sich dafür, die Geschichte aus Perspektive der Ureinwohner zu erzählen und übersetzten ihr Drehbuch in deren vielfältige Sprachen.

Für „Birds of Passage“ haben sie sich in die nördliche Steppe ihrer kolumbianischen Heimat begeben, ihre Themen aber sind gleich geblieben: Subtil erzählen sie anhand einzelner Schicksale, was Kolonialismus und Eroberung mit den Ureinwohnern machten, was Raubwirtschaft und Gier mit einer Kultur anstellen, die solche Probleme zwar im kleinen Kreis der Stammesgemeinschaft kannte und dort ahndete, deren Regeln den Auswüchsen des kapitalistischen Machtstrebens jedoch nicht gewachsen sind.

Geschichte einer „Patin“

In „Birds of Passage“ nehmen sie, weil es um einen matriarchalen Stamm geht, die Frauen in den Fokus. Regisseurin Gallego erklärte während der Weltpremiere im vergangenen Jahr in Cannes, dass es nicht leicht sei, diese Geschichte zu erzählen, besonders wenn man selbst eine Frau aus einem Entwicklungsland sei. „In der Gemeinschaft der Wayuu regeln die Frauen das Geschäft und die Politik. Auf der anderen Seite ist es trotzdem eine Kultur, die vom männlichen Chauvinismus geprägt ist. Als wir unsere Recherchen gemacht haben, bemerkten wir, dass viele Menschen die Beteiligung der Frauen am Drogenhandel abgestritten haben“, erklärte sie später. Sie habe keinen weiteren „Der Pate“-Film drehen wollen, sondern die Geschichte einer „Patin“ erzählen.

Trotz all dieser politischen Brisanz und Themenschwere ist es ihr und Ciro Guerra gelungen, einen Gangsterfilm zu drehen, der im Gegensatz zu Serien wie „Narcos“ oder „Pablo Escobar“ nichts glorifiziert. Dass der Film dabei so bildgewaltig ist, liegt auch an der Geduld, die sie für den Dreh aufbrachten. So entstanden Details, für die man Zeit braucht und den Zufall, den sie mit sich bringt. Da ruht dann die Kamera in der Steppe lange auf einer großen buntschillernden Heuschrecke, die langsam aus dem Bild schwirrt, um Platz zu machen für einen blauen staubumwirbelten Bus, der Rapayet zu seinem Schicksal, dem Treffen mit dem Amerikaner, bringen wird. Die Heuschrecken werden später wiederkommen, in biblischer Vielzahl, wenn der Film mit unaufhaltsamer Härte dem Ende und dem Untergang der Familie, den Rapayets Gier besiegelt hat, entgegensteuert.

Es ist dann noch einmal eine Frau, eine Älteste des Clans, die den Krieg der Familien abzuwenden versucht und erinnert: „Unsere Vorfahren haben unser Land vor Piraten geschützt, vor Engländern, vor den Spaniern, vor den Regierungen, die versucht haben, es uns wegzunehmen und uns zu sagen, was wir tun sollen.“ Doch wenn Gier und Gewalt regieren, hat das Wort keine Bedeutung mehr.

Weitere Themen

Topmeldungen

TV-Debatte der Demokraten : Biden kämpft um seinen Status

Bei der fünften Debatte der Demokraten versuchten sich die zentristischen Kandidaten zu profilieren: Joe Biden ist nicht mehr der unumstrittene Favorit. Natürlich ging es dabei auch um das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Trump.
Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen am 20. November 2019 die aktuellen Ereignisse der vergangenen Woche.

TV-Kritik: „Maischberger“ : Knallharte und Stehgeiger

Mit dieser Beschreibung charakterisierte der Journalist Hajo Schumacher bei Sandra Maischberger die beiden Vorsitzenden der Grünen. Diese haben ihren Parteitag hinter sich, die CDU noch vor sich – das bestimmte dann auch diese Sendung.
Kommt der Frühling denn nie? Wird die Sonne nie wieder scheinen?

Angststörungen : Wenn auf einmal alles schwerfällt

Anfang des Jahres bekam unser Autor Angststörungen. Seitdem war nichts mehr leicht. Aber er lernte Menschen ganz neu kennen. Einige halfen ihm.

Freundschaftstest : Trump macht Apple Hoffnung

Tim Cook empfängt den Präsidenten zum Fototermin in einem Computerwerk in Texas. Dieser nützt die Kulisse für Attacken gegen seine politischen Gegner – und signalisiert, dass Apple von Strafzöllen verschont werden könnte.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.