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Kinofilm „Beale Street“ : Ein Akt der Rebellion

KiKi Layne in Barry Jenkins „Beale Street“ als Tish und Stephan James als Fonny Bild: ©2018 Annapurna Releasing

Liebe kann überaus rebellisch sein, wie der neue Film von Barry Jenkins „Beale Street“ zeigt. Eine ganz eigene Liebesgeschichte, die versucht, dem Rassismus in Amerika zu trotzen.

          Liebe ist ein revolutionärer Akt. Jedenfalls für James Baldwin. Kein Aufheller für unerträglich düstere Verhältnisse, keine rosarote Brille vor Gewalt und Unrecht, die Schwarze in Amerika zu erdulden haben. Sondern ein Akt der Revolte gegen genau diese Verhältnisse, der Gegenentwurf für ein Gegenleben zu alldem. Deshalb ist Liebe so gefährlich in seinen Büchern. Weil sich in ihr etwas ausdrückt, das sich den Strukturen des Rassismus, der Verachtung und Demütigung widersetzt. Liebe zwischen Liebenden. Liebe in der Familie. Liebe zwischen Freunden, in einer Gemeinschaft. Und deshalb ist Liebe in seinen Büchern auch immer gefährdet – von außen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Weil das so ist, sprechen die Bücher von James Baldwin in unterschiedlichen Stimmlagen. Auch in seinem Roman „If Beale Street Could Talk“ ist das so. Die erste Stimme, die uns dort die Geschichte einer Liebe und ihrer Gefährdung durch die Verhältnisse erzählt, gehört Tish. Sie ist auf dem Weg ins Gefängnis, wo ihr Freund Fonny einsitzt, fälschlich der Vergewaltigung beschuldigt. Fonny und Tish hatten gerade eine Fabriketage im New Yorker Village gefunden, sie wollen raus aus Harlem, woher sie kommen, raus aus dem vorgezeichneten Weg für schwarze Menschen wie sie. Denn Fonny ist Künstler, er bearbeitet Holz, er skulpturiert. Doch ein Polizist, der Tish einmal belästigt hatte und von Fonny zurechtgewiesen wurde, bringt ihn unter absurden Anschuldigungen ins Gefängnis.

          Figuren sind großer Brutalität ausgesetzt

          Tish ist neunzehn, und sie ist schwanger. Was ein Grund für große Freude ist, für sie, für ihre Familie, für Fonny. Nur dessen Mutter ist empört, weil das Kind vor der Ehe kommt, und ihr Sohn etwas Besseres verdient hätte als Tish. Fonny mit vereinten Kräften aus dem Gefängnis zu holen, das ist das Ziel all dieser Menschen. Über weite Strecken spricht Tish in diesem Roman. Manchmal aber übernimmt der Erzähler den Faden, und zwar in der Stimme des Essayisten und politischen Aktivisten Baldwin, der von außen mit großer Wut auf die Lage schaut.

          Barry Jenkins hat diesen Roman (der in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Beale Street Blues“ kürzlich bei dtv erschienen ist) verfilmt, Regina King für die Rolle von Tishs Mutter gerade einen Oscar gewonnen. Es ist ein Film in warmen Farben, der die Liebe ins Zentrum stellt und sie keinen Moment aus den Augen verliert. Auch hier sind die Verhältnisse erschütternd, auch hier ist die Aktualität des Befundes über den Rassismus in Amerika greifbar wie auch seine historische Kontinuität. Aber dennoch ist dies ein Film der Ermächtigung, der den Figuren enormen Handlungsspielraum einräumt. Nur Daniel, niederschmetternd gespielt von Brian Tyree Henry, ist nach mehreren Gefängnisaufenthalten geschlagen, er wird nicht mehr auf die Beine kommen können. Die eine große Szene, die er in diesem Film hat, reicht, um das volle Ausmaß der Brutalität, der diese Figuren ausgesetzt sind, zu ermessen.

          Barry Jenkins verehrt Baldwin und ist deshalb nah an der Vorlage geblieben. Trotzdem weist sein neuer Film auch zurück auf seinen letzten, auf „Moonlight“ – in der Rolle der Musik, der Farben, der atmosphärischen Dichte. Es wird ein Stil sichtbar, der Jenkins jetzt schon zu einem der wichtigen Autoren des zeitgenössischen Kinos macht.

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