https://www.faz.net/-gqz-8ggug

„Bauernopfer“ im Kino : Übermenschen des Schachs

Kalter Krieg, auf dem Schachbrett ausgetragen und in „Bauernopfer“ in Szene gesetzt: Boris Spasski (Liev Schreiber, links) gegen Bobby Fischer (Tobey Maguire) bei der Schachweltmeisterschaft 1972 in Reykjavik. Bild: Studiocanal

Vom Vergnügen, das Ego des Gegners zu brechen: Edward Zwick versucht mit dem Film „Bauernopfer“, dem Duell von Bobby Fischer und Boris Spasski auf die Spur zu kommen. Das geht ziemlich schief.

          4 Min.

          Schachfilme sind das Gegenteil von Ballettfilmen, denn Schach ist kein dankbarer Vorgang für die Kamera. Sein Sinn kann vollständig aus Partieaufzeichnungen herausgelesen werden. Man muss bei einem Schachspiel nicht einmal anwesend sein, um es zu spielen, und nicht einmal Zuschauer, um in den vollen Genuss seiner Logik zu kommen. Immerhin können sich Schauspieler in Schachfilmen darum freuen, nicht von den eigentlichen Könnern gedoubelt werden zu müssen.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Woher also soll die Dynamik eines Schachfilms kommen? „Bauernopfer - Spiel der Könige“ von Edward Zwick entnimmt sie den Charakteren zweier Spieler und einer politischen Situation. Es geht um den Weltmeisterschaftskampf 1972 in Reykjavík. Tobey Maguire spielt Robert „Bobby“ Fischer, der als Kind einer alleinerziehenden Mutter jüdischer Herkunft und kommunistischer Gesinnung später ein fanatischer Antisemit und Kommunistenhasser wurde. Der mit sechs das Spiel erlernt hatte, um sich danach für nichts anderes mehr zu interessieren. Dessen Erfolgskurve steil zu nennen so wäre, als würde man die Niagarafälle feucht nennen. Der als Dreizehnjähriger schon mit seiner unfassbaren Partie gegen Donald Byrne Schachgeschichte schrieb. Mit vierzehn war er amerikanischer Meister, mit sechzehn der beste Spieler außerhalb des Ostblocks.

          Wie ein Dreizehnjähriger, der Fliegen Beine ausreißt

          Womit auch schon sein Lebensmotiv bezeichnet ist: dass er als westlicher Repräsentant im Kalten Krieg gesehen wurde, von den Medien, der Politik, seinem Manager, von sich selbst und von den Sowjets, die viel taten, um seinen Aufstieg zu verhindern. Erzählt wird beispielsweise, wie ihre Spieler in einem WM-Turnier sich gegenseitig schonten, um Fischer ausgeruht zu begegnen. Er, der nur seine Spielstärke, einen Anwalt (Michael Stuhlbarg) und zeitweise den enorm gut schachspielenden Priester William Lombardy (Peter Saarsgaard) als Helfer hatte, trat ein gutes Jahrzehnt lang gegen einen ganzen Staat an, für den Überlegenheit im Schach ein Ausweis der eigenen Rationalität war.

          Kinotrailer : „Bauernopfer“

          Der Film beginnt folgerichtig mit Nachrichtensendungen und Wochenschauen, in denen Schach die Hauptmeldung war. Größenphantasien und -ängste blieben auf Seiten Fischers nicht aus. Der Film freilich übertreibt sie stark und macht aus seiner Exaltiertheit und seinen berechtigten Zweifeln an der Fairness im Schach - auch an der fairen Bezahlung - einen manifesten Wahn, der seinen Ursprung in der Furcht seiner Mutter vor dem FBI hatte. Immerhin zeigen sich die persönlichen Züge Fischers, der offen sein Vergnügen daran bekundete, das Ego seiner Gegner zerbrechen zu sehen. Menschlich ist Fischer nie über einen Dreizehnjährigen herausgekommen, der Fliegen Beine ausreißt.

          Zweifel an Spasskis Chancen – und seiner Linientreue

          Sein Gegenspieler ist Boris Spasski, den Liev Schreiber mit verblüffender physiognomischer Ähnlichkeit und all seiner ausgeruhten Kunst als körperlich kompakten Souverän gibt, der zuletzt unter dem Ansturm von Fischers Exzentrik die Nerven verlor. Leider verzichtet der Film darauf, die Biographien parallel zu erzählen. Auch über Spasski hieß es, er sei das Kind einer alleinerziehenden jüdischen Mutter. Mit fünf lernt er Schach auf der Flucht aus dem belagerten Leningrad, er war der jüngste Großmeister seines Landes, auch ihm wurde früh der Weltmeistertitel prognostiziert. Aber er studierte, heiratete früh, wurde geschieden, war kein Einzelgänger wie Fischer, sondern ein beliebter, weltzugewandter Sportsmann, der in einem Land aufwuchs, in dem Schach Nationalsport war.

          Weitere Themen

          Keymers großer Zug

          Schach-EM : Keymers großer Zug

          Der 16-jährige Vincent Keymer lässt 30 höher eingestufte Großmeister hinter sich und belegt bei der Schach-EM den zweiten Platz. Selbst den Gesamtsieg verpasst er nur knapp.

          Fischer will Präsident bleiben

          Eintracht Frankfurt : Fischer will Präsident bleiben

          Der Präsident von Fußball-Bundesligaklub Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, kündigt eine weitere Kandidatur an. Derweil verzeichnet der Verein mittlerweile 93.000 Mitglieder.

          Topmeldungen

          Kandidatenduell 1994: Wahlplakate mit Kanzler Kohl und SPD-Herausforderer Rudolf Scharping

          Bundestagswahlen seit 1949 : 1994: Als Rudolf Scharping baden ging

          19 Wahlen, 19 Geschichten. Heute: Die SPD lässt erstmals ihre Mitglieder den Kanzlerkandidaten bestimmen. Rudolf Scharping macht das Rennen – und bremst sich in der Bundestagswahl 1994 selbst aus. Teil 13 unserer Wahlserie.
          Das Einspeise-Umspannwerk Dresden Süd war Auslöser für den Stromausfall in der Stadt und Umgebung.

          Energiewende : Stromausfälle werden zur Gefahr

          Wenig Erdgasreserven, instabile Netze, schwankender Windstrom: Drohen im Winter Blackouts? Der Anstieg der Gaspreise verschärft die Lage.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.