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Kinofilm „A Fábrica de Nada“ : Das Ende der Produktivität

  • -Aktualisiert am

So sehen Arbeiter aus, die sich ergeben – im schlimmsten Fall vielleicht in etwas noch Unsinnigeres als das Schicksal. Bild: Grandfilm

Was, wenn die Verhältnisse auf der Welt inzwischen zu kompliziert sind für Solidarität? Pedro Pinhos portugiesischer Spielfilm „A Fábrica de Nada“ erzählt von Arbeitern in einer Fabrik, die nicht mehr gebraucht werden.

          „Sie haben doch sicher Projekte“, sagt die neue Personalmanagerin zu José „Zé“ Vargas, einem Arbeiter in einer portugiesischen Fabrik, die Aufzugteile herstellt. Das Wort „Projekte“ hat sie von der Uni mitgebracht, wie auch den Ausdruck „individuelle Potentiale“. Für Zé wäre es jetzt gut, wenn er seine Potentiale in Projekte investieren würde, denn in der Fabrik werden sie nicht mehr gebraucht. Der Weltmarkt. Wer heute die Dinge sucht, die Zé bisher hergestellt hat, bestellt sie in China oder in Kambodscha. Für Portugal bedeutet das: „Anpassungen“. Noch so ein Wort aus dem Vokabular der Krise. Bei „Anpassungen“ hören Zé und seine Kollegen den entsprechenden Reim schon mit: „Entlassungen“.

          Immerhin sollen diese Veränderungen nicht ganz abrupt vollzogen werden. Der Film „A Fábrica de Nada“ von Pedro Pinho beginnt damit, dass Zé mitten in der Nacht einen Anruf bekommt. Ein Kollege schlägt Alarm, aus der Fabrik werden Maschinen abtransportiert. Am nächsten Morgen kommt die Patronin und gibt sich zuerst einmal ganz familiär. Sie erkundigt sich nach den Fortschritten, die die Tochter einer Arbeiterin im Musikunterricht macht, und macht auf Zusammenhalt. Die Fabrik soll nicht in die Insolvenz geschickt werden, die Arbeiter bekommen Abfindungen angeboten. Je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit sind die Beträge unterschiedlich hoch, beim Kollegen Hermínio steht sogar eine sechsstellige Summe an der Wand. Die Liste hat ein Kollege anonym erstellt. Er benennt damit den Preis der Solidarität, den Hermínio zahlt, wenn er sich auf den Streik einlässt.

          Kann man streiken, wenn keine Arbeit mehr da ist?

          Aber kann man überhaupt streiken, wenn keine Arbeit mehr da ist? Von diesem Paradox geht Pedro Pinho aus. Die Arbeiter besetzen eine Fabrik, von der sie nichts mehr haben. Sie halten einen Betrieb aufrecht, den es nicht mehr gibt. Sie sperren einen Klassenfeind aus, der sie ohnehin nur noch loswerden möchte. Das läuft naturgemäß auf einen Stellungskrieg hinaus, in dem sich die Konstellationen des gegenwärtigen Kapitalismus satirisch zuspitzen lassen. Denn alle die geläufigen Forderungen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung sind längst obsolet: die Expropriateure zum Teufel schicken und die Profite untereinander aufteilen? Das ist schön gedacht, was aber, wenn die einzigen Aufträge, die noch hereinkommen, von argentinischen Betrieben stammen, die selbst gerade Autonomie probieren und in erster Linie ein Zeichen der internationalen Solidarität im Sinn haben?

          Hier deutet sich immerhin etwas an, was man für eine Perspektive halten könnte, doch sind die weltweiten Verhältnisse insgesamt zu komplex, als dass man sie von einem portugiesischen Mittelbetrieb aus gewinnbringend aufmischen könnte. So stellt sich bald die Frage der intellektuellen Beteiligung. Ein paar Gewerkschafter tauchen zuerst auf, sie haben aber nur Mittel im Repertoire, deren Wirksamkeit auf einer gewissen Verteilung von Interessen beruhen. Hier aber sind die Interessen radikal ungleich verteilt.

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