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Zukunft der Lichtspielhäuser : Das Kino muss an die frische Luft

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Können Freiluftkinos die Branche durch die Pandemie retten? Bild: Lucas Bäuml

Wo Arthouse und Blockbuster sich begegnen: Die Kinobranche testet während der Pandemie-Krise praktische Lösungen und denkt über neue Geschäftsmodelle nach.

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          Wäre Covid-19 eine sexuell übertragbare Krankheit, wäre alles bedeutend einfacher. Ein Kondom trägt man nicht im Gesicht, man benötigt es auch nur für den entsprechenden Akt. „Safer Sex“ ist den meisten Menschen zumindest als Anspruch geläufig. Wie aber kommt man zum Beispiel zu einem „Safer Cinema“ unter den Bedingungen eines Virus, das womöglich auch hartnäckig in der Luft liegt?

          Die ohnehin schon schwierige Frage bekommt in diesen Tagen einen zusätzlichen Aspekt dadurch, dass die Freiluftkino-Saison vor der Tür steht. Die entsprechenden Angebote tragen poetische Namen wie „Kino, Mond & Sterne“ in München, stellen ihren Standortvorteil heraus wie die Dresdener „Filmnächte am Elbufer“ oder benennen sich ganz einfach nach dem Ort, an dem sie ihre Leinwand errichtet haben, wie das sehr populäre „Freiluftkino Friedrichshain“ in Berlin.

          Ende Mai ging es in den Vorjahren vielfach schon los, doch derzeit ist noch, je nach Bundesland, Abstimmungsbedarf. Wann, und wenn ja, für wie viele dürfen die entsprechenden Angebote wieder öffnen? Das wird sich bald klären müssen, wenn die Veranstalter noch sinnvoll für diesen Sommer planen können sollen. Auf den ersten Blick mag das ein wenig nach Luxusproblem aussehen. Sich in lauen Nächten unter freiem Himmel bei einem Glas (oder wohl eher Becher) Wein einen Film anzusehen, für den man während des Jahres nicht die Zeit gefunden hat, das hat zweifellos hohen erbaulichen Wert, muss aber auf der Dringlichkeitsliste der Kulturpolitik nicht ganz oben stehen.

          Auf die Mischung kommt es an

          Doch hat auch diese Veranstaltungsform mehr als nur eine rein kommerzielle Bedeutung. Die Freiluftkinos sind eine wichtige Säule in einer Kinolandschaft, die sich seit jeher immer neuen Medienwechseln und Strategieänderungen anpassen musste. Sie erlauben es dem Arthouse-Sektor, sich gelegentlich auch mit dem Blockbuster-Angebot zu messen. Denn im Sommer startet Hollywood für gewöhnlich eine Reihe von Spitzentiteln, die aufgrund ihrer Popularität auch Leinwände jenseits der großen Cineplexe in Beschlag nehmen. Das ist zwar gut für die Jahresstatistik der Kinobranche insgesamt, macht es aber für kleine und mittelgroße Verleiher schwieriger, sich zu behaupten. Und die Kinos stehen vor der schwierigen Entscheidung, auf welche Titel sie ihre Hoffnungen setzen – auf die französische Komödie, auf den schwedischen Kunstfilm oder doch die neue Superheldin aus Amerika?

          Ein Freiluftkino hat in manchen Fällen deutlich über tausend Plätze. Das bedeutet, dass ein erfolgreicher Arthouse-Film mit einer einzigen ausverkauften Vorstellung so viele Besucher erreichen kann wie mancher anspruchsvolle Titel vielleicht mit seiner ganzen Auswertung. Das öffentliche Interesse kann aber nur darin liegen, dass in beiden Fällen die Bedingungen für einen nach jeweiligen Maßgaben erfolgreichen Start gewährleistet bleiben. Dafür braucht es eine gute Mischung der Betriebsgrößen, denn gerade die Titel mit kleinerer Aufmerksamkeit profitieren häufig von längeren Einsatzzeiten. Früher gab es vielfach noch sogenannte Nachspielkinos, die von den Premierenkinos die Filme übernahmen und weiter im Angebot hielten. Freiluftkinos sind in dieser Hinsicht auch Nachspielkinos, allerdings mit dem Appeal und den Dimensionen von Filmpalästen.

          Mythologie eines Mediums

          Für die Branche bedeutsam sind sie auch deswegen, weil sie häufig mit niedergelassenen Kinos (oder Verleihern) zusammen bilanzieren. Sie sind also nicht selten auch Teil eines innerbetrieblichen Systems der Quersubvention. Sie finanzieren oder stützen kleine Säle, die für eine funktionierende Kinolandschaft genau so wichtig sind wie die heute üblichen luxuriösen Auditorien. Kleine Säle stehen nun aber in der Krise besonders unter Druck. Als das Kino durch Videokassetten und Heimkino unter Druck geriet, reagierte die Branche seinerzeit mit einer Verkleinerung der Säle. Die berühmten „Schuhschachteln“ aus den achtziger und neunziger Jahren wären nun aber alle für Corona-Vorkehrungen zu vergessen, denn wenn man von hundert Plätzen nur ein Viertel besetzen darf, dann lohnen sich viele Vorführungen nicht mehr. Das gilt leider auch für die kleinen, cinephilen Orte, die häufig von Idealisten geführt werden.

          Der Trend zu großen Spielstätten hingegen, der das Pendel danach wieder in die andere Richtung ausschlagen ließ, erlaubt nun auch Maßnahmen, die einen Kinobesuch relativ problemlos erscheinen lassen. Man kann davon ausgehen, dass sich für die Freiluftkinos praktische Lösungen finden, die einen Spielbetrieb bald erlauben sollten. Es wäre nicht nur ein Schritt in Richtung einer angepassten Normalität, sondern auch ein Puzzlestück in der komplizierten Aufgabe, eine ohnehin schon labile Branche durch eine Krise des Zusammenlebens zu führen. Und auch der Mythologie eines Mediums wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, das trotz hohen technischen Aufwands unter freiem Himmel doch immer wieder an die Anfänge der Kultur überhaupt denken lässt.

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