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Kino : Zwillingsleiden: Carsten Fiebelers Filmkomödie "Kleinruppin forever"

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Welcher Albtraum konnte für einen westlichen Besucher der DDR größer sein als der, nicht mehr ausreisen zu können? Ein Zwilling zu sein ist dafür schon ausreichend.

          Welcher Albtraum konnte für einen westlichen Besucher der DDR größer sein als der, nicht mehr ausreisen zu können? Ein solcher Fall dürfte nur in der Phantasie eines Komödiendichters stattgefunden haben. Nun ist er auf der Leinwand: in Carsten Fiebelers zweitem Spielfilm "Kleinruppin forever". Schuld am Geschick des Helden, eines hoffnungsvollen neunzehnjährigen Tennistalents und Mädchenschwarms aus Bremen, ist eine Lüge der Eltern. Weder seine Mutter noch der Stiefvater (Uwe Kockisch) haben Tim gesagt, daß im Phantasieort Kleinruppin "drüben" sein Zwillingsbruder lebt. Prompt sitzt Tim in der Falle, als die Gymnasialklasse einen Tagesausflug ausgerechnet in das heruntergekommene Städtchen unternimmt. Ohne lange zu zaudern, ergreift Zwilling Ronnie die Gelegenheit beim Schopf und überläßt - Gewalt hilft nach - Tim die eigenen Kleider und Papiere. Weder die Behörden noch der östliche Pflegevater (Michael Gwisdek) glauben Tims abenteuerliche Story. Schnell bringt man dem Jungen die Bedienung einer plumpen Maschine bei, und die Musterungskommission der NVA stellt seine Tauglichkeit zum Wehrdienst fest.

          Tims Altersgefährten in Kleinruppin - als Kulisse dient ein abrißreifes Viertel in Wittenberge - nehmen die sozialistische Ordnung locker. Mit Gesang und flotten Sprüchen sitzt man nackt am Lagerfeuer; Väter, die eine bürgerliche Laufbahn vorzeichnen, sind nicht in Sicht. Mögen die Schlangen vor den Geschäften lang, der Ton von oben barsch sein, leben und leben lassen lautet im Jahr 1985 die Devise. Der Film scheut vor keinen kabarettistischen Übertreibungen zurück, um die Mangelwirtschaft in die Mangel zu nehmen. Amtspersonen, selbst von der Stasi, werden zu Karikaturen - vor solchen Pappkameraden braucht sich die Jugend nicht zu fürchten.

          In diesem Film steckt die Nostalgie in der Parodie. Nicht nach den sozialpolitischen Verhältnissen der DDR, wohl aber nach einem Jugend- und Liebesleben ohne Berechnung und Karrieregedanken sehnt sich "Kleinruppin forever". In der DDR habe etwas von der erträumten Zukunft gesteckt, gibt der 1965 im sächsischen Zwickau geborene Fiebeler zu verstehen - und hält sich doch frei vom Verdacht, das schlechte System bekränzen zu wollen. Seine Überzeichnungen dürften von empfindlichen Zeitgenossen als böswillig mißverstanden werden. Doch nicht auf deren Gemütslage ist der lockere Ton des Films abgestimmt, sondern auf jene jungen "Helden wie wir", die sich dem Heldendasein verweigern. "Auch heute bin ich jemand, der die Kohle auf den Kopp kloppt, das macht Spaß, ich leb' dafür", bekennt der Hauptdarsteller Tobias Schenke. Im Film winkt für die Reise in den Osten auch ein schöner Preis. Jana (Anna Brüggemann) bahnt dem in sie verschossenen Tim den Weg in den Schwimmklub, dessen Mannschaft schließlich zum deutsch-deutschen Vergleichskampf nach Bremen fahren darf. Das Tor zur Freiheit steht für Tim wieder offen - und Jana hoffnungslos allein da. Aber in einer Traumsequenz nimmt der Film die deutsche Zukunft vorweg und schenkt Tim und Jana ein romantisches Happy-End. "Kleinruppin forever" ist ein Schwank, der vom Zuschauer eine gehörige Portion Gutmütigkeit verlangt - etwa wenn Tim bei der Polizei mit einer Tüte Bananen ausgelöst wird -, damit er nicht schon vor der Ankunft des Traumschiffs Jugend von Bord geht. Die Richtung, in der es steuert, scheint indessen wichtiger als die historische Station. Irgendwo in weiter Ferne liegt nicht Kleinruppin, sondern Hollywood.

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