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Kino : Zum Beispiel Edgar Wallace: "Der Wixxer" parodiert den deutschen Film der sechziger Jahre

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Wo Bully Herbig und sein „Schuh des Manitu“ mit dem Winnetou-Film das eine Lieblingsgenre der Deutschen erfolgreich auf die Schippe genommen hat, da ziehen nun Oliver Kalkofe, Bastian Pasteweka und Olli Dittrich den guten Edgar Walllace durch den Kakao.

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          Als "Kill Bill" vergangenen Herbst in Berlin Premiere feierte, kam es zu einer bizarren Szene. Quentin Tarantino und sein Star Uma Thurman hatten ein paar Worte zur Begrüßung gesprochen, waren dann von der Bühne gegangen, dann ging das Licht aus und der Vorhang auf, und während das Publikum gespannt auf die ersten Bilder wartete, öffnete sich im dunklen Saal eine Seitentür, Tarantino trat in den hellen Türrahmen und brüllte den rätselhaften Satz in den Saal: "Alfred Vohrer is a genius!" Wie ein Irrer, der dem Gerichtssaal noch mal die Wahrheit ins Gesicht schleudert, ehe er in Handschellen abgeführt wird. Da war also der Meister des obskuren Filmzitats aus Amerika gekommen, um das deutsche Publikum mit der Nase auf seine eigenen Filmtraditionen zu stoßen. Als könnte man "Kill Bill" nicht wirklich würdigen, wenn man nicht weiß, daß Alfred Vohrer ein genialer Regisseur gewesen ist.

          Tatsächlich hatte der junge Quentin, als er in Tennessee die fünfte Klasse besuchte, in einem Autokino "Die blaue Hand" gesehen, eine Edgar-Wallace-Verfilmung von 1967, und war überzeugt, in Alfred Vohrer den "deutschen Hitchcock" entdeckt zu haben. Tatsächlich führte Vohrer, der 1986 gestorben ist und zuletzt im Fernsehen "Die Schwarzwaldklinik" und "Das Traumschiff" inszenieren durfte, bei den meisten Wallace-Filmen Regie: "Die toten Augen von London", "Das Gasthaus an der Themse", "Das indische Tuch", "Der Mönch mit der Peitsche", "Der Hund von Blackwood Castle", "Der Bucklige von Soho" und "Der Hexer". Und er hätte sich wohl kaum träumen lassen, daß ihm postum die Ehre zuteil würde, daß sich der coolste Regisseur der Welt vor ihm verbeugt. Obwohl Tarantino mit seinem Bekenntnis bei Leuten, die in den Siebzigern mit Vohrers Filmen im Fernsehen groß geworden sind, offene Türen eingerannt hat. Denn die Edgar-Wallace-Filme waren eine Schule des Schreckens, ein Vorgeschmack auf die Merkwürdigkeiten, die das Kino für die Furchtlosen bereithält.

          Um so folgerichtiger, daß sich nun auch das deutsche Kino mit seinen obskureren Traditionen befaßt. Und es ist kein Zufall, daß es wieder die Comedy ist, die das in die Hand nimmt. Wo Bully Herbig mit dem "Schuh des Manitu" mit dem Winnetou-Film das andere Lieblingsgenre der Deutschen erfolgreich auf die Schippe genommen hat, da ziehen nun Oliver Kalkofe, Bastian Pastewka, Anke Engelke und Olli Dittrich Edgar Wallace durch den Kakao. Wobei sich "Der Wixxer" nicht wesentlich übers Fernsehformat erhebt, aber sein Humor auch weniger schlüpfrig ist, als es der Titel befürchten läßt.

          Der Plot ist, wenn man das so sagen kann, der übliche: Ein Kommissar (Kalkofe) und sein neuer Assistent (Bastewka) ermitteln gegen einen wandlungsfähigen Superverbrecher. Dabei stellen sie sich natürlich dümmer an, als die Polizei erlaubt. Die Ermittlungen am ersten Tatort sind so hanebüchen, als hätten die Monty Pythons die Hand im Spiel. Ein Treffen der Londoner Unterwelt ist in ähnlichem Geiste inszeniert, und es gibt eine wirklich lustige Hitler-Parodie von Christoph Maria Herbst, aber auf die Dauer läuft die Sache dem Regisseur Tobi Baumann aus dem Ruder.

          Am besten ist die Parodie immer da, wo sie sich an die Originale hält und ihren Spaß mit deren Stilmitteln treibt, wenn also Pastewka den Eddi Arent, Lars Rudolph den Klaus Kinski oder Eva Ebner die Elisabeth Flickenschildt gibt. Sogar das abstruse Treiben um eine Mopszucht auf Blackwhite Castle ist noch ziemlich amüsant - daß das Ganze aber eine Tarnung für den Mädchenhandel mit Girl Groups sein muß, bringt herzlich wenig. Und so gut Kalkofes Rotzigkeit im Fernsehen mitunter funktioniert, so leblos wirkt er in seiner Kinorolle.

          Winnetou und Wallace, da fehlt eigentlich nur noch das dritte große Sechziger-Jahre-Genre - die "Sissi"- und Heimatfilme. Aber leider haben sich Bully und Co fürs "Raumschiff Enterprise" entschieden.

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