https://www.faz.net/-gqz-pm9m

Kino : Würstchen wie wir: "Agnes und seine Brüder" von Oskar Roehler

  • -Aktualisiert am

Nichts stimmt in dieser Geschichte - und doch ist alles richtig. "Agnes und seine Brüder" ist ein Bastard von einem Film: Familiendrama und Komödie, Melodram und Farce, nichts davon richtig und doch irgendwie alles gleichzeitig.

          Nichts stimmt in dieser Geschichte - und doch ist alles richtig. "Agnes und seine Brüder" ist ein Bastard von einem Film: Familiendrama und Komödie, Melodram und Farce, nichts davon richtig und doch irgendwie alles gleichzeitig. Man merkt den Schauspielern an, daß sie Spaß hatten, bis zum äußersten und darüber hinauszugehen, all die Zwänge des deutschen Kino- und Fernsehalltags abzulegen und sich gehenzulassen. Die Normalität ist bei Oskar Roehler die reinste Travestie, und in der Überzeichnung finden alle zu sich. Roehler könnte Fassbinder sein, bleibt aber lieber Roehler. Er bedient sich aus dem Fundus von "In einem Jahr mit dreizehn Monden" und bastelt sich daraus seine eigene Geschichte.

          Agnes (Martin Weiß) war ein Mann und ließ sich aus Liebe zu einem anderen geschlechtsumwandeln, aber dieses Opfer blieb unerwidert - so war es bei Fassbinder, so ist es auch hier. Was das mit den Brüdern zu tun hat, bleibt unklar und ist auch letztlich nicht so wichtig. Moritz Bleibtreu spielt den einen Bruder, einen verklemmten Bibliothekar, der ein Alkoholproblem hat, aber vor allem von den allgegenwärtigen Reizen der Studentinnen so bedrängt wird, daß er sich auf der Toilette regelmäßig Erleichterung verschaffen muß und abends eine Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige besucht. Natürlich ist Bleibtreu für diese Rolle eine abenteuerliche Fehlbesetzung, seine ganze Ausstrahlung arbeitet fortwährend gegen ihn, aber schon wie Roehler den Reigen der sinnlichen Reizüberflutung inszeniert, zeigt, daß er an anderen Ausdrucksformen interessiert ist, als sie das klassische Beziehungsdrama bereithält. Die Art, wie er die Luftblase psychologischer Erklärungsmuster zum Platzen bringt, läßt denn auch eher an Jerry Lewis als an Fassbinder denken. Alles ist so grell und bunt und überzeichnet, daß man sich nicht wundern würde, wenn all die hübschen Studentinnen, die Bleibtreu die Sinne vernebeln, im nächsten Moment zu singen anfangen würden.

          Den anderen Bruder spielt Herbert Knaup als deutschen Bruder von Kevin Spacey in "American Beauty", als Berufspolitiker fürs Dosenpfand unterwegs, das Familienleben ein Albtraum aus Würstchengrillen und Heckenschneiden. Die Frau kann ihre Verachtung kaum verbergen, und als der Sohn (Tom Schilling) ihn dabei filmt, wie er beim Gespräch mit seinem Vorsitzenden Joschka die Hose runterläßt und auf ein untergelegtes Papier kackt, da ist das Maß voll. Die Würstchenmetaphorik ist mindestens so hanebüchen wie alles andere, und man kann nicht sagen, daß sich von hier ein Bogen zu einer der anderen Geschichten spannt, er wird einfach nur überspannt, bis aus all dem Müll, der sich hier auftürmt, etwas Neues entsteht, ein Furor, der sich von den ewigen Diskussionen um den deutschen Film auf keinen Fall die Laune verderben lassen und sich aus lauter Versatzstücken fröhlich etwas eigenes zusammenbasteln will. So gesehen ist Oskar Roehler Frankenstein - und dieser Film sein Monster.

          Katja Riemann ist als Knaups Gattin so ätzend, daß es die reinste Freude ist; Vadim Glowna läuft als Altrocker mit grauer Mähne durch seine Villa; Ralph Herforth gibt seinen dauernd zu Tränen gerührten Assistenten; dazu Margit Carstensen, Martin Semmelrogge, Marie Zielcke, Oliver Korittke, Martin Feifel, sogar Til Schweiger in einer winzigen Gastrolle - an jeder Ecke ein bekanntes Gesicht, eine Galerie deutscher Schauspieler, offenbar alle von dem Bedürfnis getrieben, endlich mal was anderes zu spielen als das übliche Einerlei, weshalb sie sich mit besonderer Lust ins Getümmel stürzen. Und tatsächlich würde man sie gerne öfter so sehen.

          Wo einst Christoph Schlingensief die Wiedervereinigung als große Schlachtplatte inszeniert hat, da möchte Roehler ein Land von Würstchen aus uns machen. Man muß das nicht mögen, aber man kann die Entschlossenheit des Regisseurs bewundern, jeden Film wie einen Befreiungsschlag zu inszenieren, der alle Erwartungen über den Haufen wirft. So wie er nach der "Unberührbaren" einfach "Suck My Dick" drehte, ehe ihn die Last der Erwartungen eines weiteren Kinowunders in die Knie zwingen konnte. Darin gleicht er dann doch Fassbinder, der immer schon den nächsten Film gedreht hatte, während sich noch alle Welt an seinem vorigen abarbeitete. Oder um es mit Rainald Goetz zu sagen: "Don't cry, work!"

          Weitere Themen

          Das Ganze kommt mir sehr englisch vor

          Regisseur Stephen Frears : Das Ganze kommt mir sehr englisch vor

          Stephen Frears hat die Serie „A Very English Scandal“ gedreht. In ihr spielt Hugh Grant eine tragische Figur: einen liberalen Politiker, der seine Homosexualität geheim halten wollte. Es kommt zum Skandal. Was sagt uns das heute?

          Topmeldungen

          Rechtsextreme Netzwerke : Wie stoppt man den Hass?

          Rechtsextreme Netzwerke stiften im Internet immer wieder zu blutigen Taten an. In einer neuen Studie untersuchen Physiker die Dynamiken des Hasses – und entwickeln vier Strategien dagegen.
          Justin Trudeau im September in Truro

          Wahlkampf in Kanada : Der Politik-Star stellt sich den Wählern

          Ende Oktober wird in Kanada gewählt. Premierminister Justin Trudeau, der seiner liberalen Partei vor vier Jahren einen Rekordsieg einbrachte, führt einen Wahlkampf mit Startschwierigkeiten.
          Argentinische Weinbauern in der Region Mendoza.

          Freihandelsabkommen : „Das Mercosur-Abkommen ist Geschichte“

          In der EU kommt es zu einem weiteren Streit um Freihandelsabkommen. Österreich wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen den Vertragsschluss mit den Mercosur-Staaten stimmen. Vieles erinnert an einen früheren Konflikt mit Kanada.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.