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Kino : Verschwörung der Hörer

Das Leben der anderen überwältigt den Spitzel (Ulrich Mühe) Bild: Buene Vista

In früheren Filmen über die DDR spielte die Stasi eine Nebenrolle, in diesem verblüffenden Kinodebüt steht sie im Zentrum. Ein Film, der die DDR ausgräbt und zugleich begräbt. Konnte nur ein Westdeutscher „Das Leben der anderen“ drehen?

          Über den Ursprung der großen Regietalente im Film gibt es mehrere Theorien. Eine behauptet, man müsse die jungen Regisseure nur gründlich genug ausbilden, sie Aufsätze schreiben und Übungsfilme drehen lassen, dann würden sie ganz unvermeidlich zu Meistern. Eine andere besagt das Gegenteil: Ein Künstler dürfe nicht durch Schulwissen gebremst werden. Die Fähigkeit, auf die es bei ihm ankomme, sei Originalität, gepaart mit Dickköpfigkeit. Alles übrige regele der Markt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Idee zu seinem Kinodebüt „Das Leben der anderen“, erzählt der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, sei ihm bei seinem Studium an der Münchner Filmhochschule gekommen. Während er einer Aufnahme der „Mondscheinsonate“ lauschte, habe er an einen Ausspruch von Lenin gedacht, der über eine andere Sonate von Beethoven, die „Appassionata“, gesagt habe, wenn er ihr allzu oft lausche, könne er seine Revolution nicht zu Ende bringen. Dadurch sei in seinem Kopf das Bild eines Mannes mit Kopfhörern entstanden, der beim Überwachen seines Gegners durch die Schönheit eines Musikstücks überwältigt werde. Aus dieser Vision habe er das Expose zu seinem ersten Spielfilm entwickelt: „Keine acht Jahre später war er fertig.“

          Ohne ästhetische Zugeständnisse

          Acht Jahre. In dieser Zeit hat von Donnersmarck sein Studium zu Ende gebracht, ein paar Kurzfilme gedreht, Recherchen gemacht, ein Drehbuch geschrieben, ein Produzententeam überzeugt, eine Schauspieleragentin überredet, sein Skript an einige ihrer prominenten Klienten weiterzuleiten, Fördermittel beantragt, Vorgespräche geführt, Drehorte ausgesucht und schließlich in knapp vierzig Tagen sein Projekt realisiert. Vor allem aber hat er etwas anderes nicht getan, das die meisten Filmhochschulabsolventen in Deutschland tun: Er hat keinen Fernsehfilm gedreht. Keinen „Tatort“, kein „TV-Movie“, keine Folge von „Soko Leipzig“, auch kein „Kleines Fernsehspiel“. Von Donnersmarck wollte unbedingt einen Kinofilm drehen, ohne Abstriche, ohne ästhetische Zugeständnisse, ohne festen Sendetermin.

          Stasi hinter Vorhang: Wiesler hat nur Augen für den Feind

          Diese Unbedingtheit sieht man dem „Leben der anderen“ an. Der Film beginnt mit dem Bild eines Mannes in Uniform, der einen Mann in Zivilkleidung verhört. Es ist das Jahr 1985, es ist die DDR, es ist die Stasi-Haftanstalt Hohenschönhausen. In der nächsten Einstellung spielt der Uniformierte das Tonband, das bei der Vernehmung mitlief, einer Gruppe von Studenten vor. Danach schneidet der Film mehrmals zwischen Hörsaal und Verhörzimmer hin und her, so daß beiläufig klar wird, worum es in dieser Geschichte vor allem gehen wird: um Aufzeichnungen, um Töne, um Gehörtes. Einer der Studenten fragt, ob die Verhörmethoden mit den humanistischen Idealen des Sozialismus vereinbar seien. Der Uniformierte macht hinter seinem Namen auf der Seminarliste ein Kreuz. Damit ist auch die Grundstimmung der Geschichte eingeführt: Angst. Die Angst vor dem Überwachungsstaat, vor Gesinnungsterror und Repression.

          Die Stasi erstmals im Zentrum

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