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Kino und Werbung : Und meinen Mund, liebst du ihn?

  • Aktualisiert am

Wenn ein großer Film auf einen kleinen Lippenstift trifft: Ein Chanel-Werbespot kopiert die berühmte Nacktszene Brigitte Bardots aus Gordards Film „Die Verachtung“.

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          Es ist wahr, alles wiederholt sich: die Tragödie als Farce, die Geschichte als Fernsehspiel, das schöne Wetter von gestern als Klimakatastrophe. Trotzdem ist es merkwürdig, im Privatfernsehen zur Hauptsendezeit, mitten in einem Werbeblock, eine Szene aus einem alten Godard-Film zu sehen: Brigitte Bardot, nackt auf einem Bett, in „Le Mépris“ („Die Verachtung“) von 1963.

          Beim zweiten Hinsehen entpuppt sich der Filmausschnitt als Werbeclip der Firma Chanel, die weißblonde Bardot wird von dem nicht minder blonden und pfirsichhäutigen Fotomodell Julie Ordon gedoubelt, und das wahre Objekt des Begehrens ist nicht die nackte Frau, sondern ein dunkelroter Lippenstift namens „Rouge Allure“. Aber sonst ist alles wie im richtigen Kino: der Dialog („Mein Mund - liebst du ihn?“), die Laken, die Filmmusik von Georges Delerue. Nur beim Künstlernachweis gab es offenbar ein Missverständnis, denn als Urheber des Clips wird auf Nachfrage eben nicht Jean-Luc Godard, sondern die Fotografin Bettina Rheims angegeben, die sich von „Le Mépris“ nur beiläufig „inspirieren“ ließ.

          Auf Drängen des Produzenten

          Diese Abkupferei hat eine historische Pointe, denn Godard hat die Bettszene, mit der sein größter Film beginnt, nicht freiwillig, sondern erst auf Drängen des amerikanischen Produzenten Joseph Levine gedreht, der sich beim Anschauen eines Rohschnitts darüber beklagte, dass er für all sein Geld keine nackte Brigitte Bardot zu sehen bekomme. Also legte Godard die hüllenlose Bardot bäuchlings neben ihrem Partner Michel Piccoli aufs Bett und ließ sie jeden Körperteil einzeln bei ihm abfragen: „Und meine Augen, liebst du sie? Meinen Mund? Meine Brüste? Meine Schenkel? Meine Füße?“ Und Piccoli sagt brav „ja“, bis alles durchdekliniert ist und Joe Levine sein Teil bekommen hat. Damit aber der Produzent sah, dass mit Godard trotz dieser Konzession nicht zu spaßen war, muss die schöne Brigitte am Ende der Szene wie ein Bierkutscher fluchen - was sie allerdings nur noch reizvoller macht.

          Anschließend erzählt „Die Verachtung“ zwei Stunden lang von der Macht des Geldes und der Not des Künstlers, vom Ausverkauf kreativer Ideale und vom Zerbrechen einer Liebe an der Logik des Profits. Aber das muss die Firma Chanel ja nicht wissen, wenn sie bei Bettina Rheims einen Werbespot in Auftrag gibt. Ihr geht es nur darum, zwei Dinge zusammenzubringen, die nicht zueinandergehören: einen großen Film und einen kleinen Lippenstift. Das Runde muss ins Eckige, die Kunst gehört auf den Markt, und für Bardot findet sich zur Not ein Ersatz. Hauptsache blond.

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