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Kino und Corona : Vor einem Superstau der ungezeigten Filme

Hätte am Donnerstag in die Kinos kommen sollen: Christian Petzolds „Undine“ mit Paula Beer Bild: Christian Schulz/Schramm Film/Berlinale/dpa

Die Kinos haben geschlossen. Alle Dreharbeiten sind unterbrochen. Und was passiert mit den neuen Filmen und dem deutschen Filmpreis? Wir haben uns umgehört in der Branche.

          6 Min.

          Während des Telefonats wird eine Broschüre von der Druckerei geliefert, der Fensterputzer war auch schon da, sagt Jürgen Hillmer, der in Bielefeld die Lichtwerk Filmtheater Betriebs GmbH mit zwei Häusern und sechs Sälen leitet. Es ist viel Betrieb, obwohl die Kinos zu sind. Hillmer ist im Büro, er will Kurzarbeit für die insgesamt vierzig Mitarbeiter beantragen, über Mietstundung und mit den Energieversorgern verhandeln.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war alles ziemlich schnell vorbei. Schneller als angekündigt. Bielefeld und Kassel hatten Ende vorletzter Woche als erste deutsche Kommunen beschlossen, die Kinos zu schließen. Ab Sonntag. Aber schon am Freitagabend kamen Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit Pfefferspray am Gürtel. Die laufende Vorstellung durfte noch beendet werden. Dann gingen die Lichter aus.

          Jürgen Hillmer, Leiter der Lichtwerk Filmtheater Betriebs GmbH in Bielefeld.

          „Ich kann es im Grunde gar nicht beschreiben“, sagt Hillmer. Kein Wunder, wer an 363 oder 364 Tagen im Jahr geöffnet hat, ob nun draußen 38 Grad sind oder Fußballweltmeisterschaft gespielt wird, kann sich einen Lockdown noch schwerer vorstellen als andere.

          Für Hillmer ist die „ganz große Frage“, ob die Verleihe den Mut haben werden, die Filme weiter zu spielen, die jetzt unterbrochen werden mussten, wenn die Normalität zurückkehrt. „Wenn wir wieder anfangen, brauchen wir starke Filme.“ Filme wie „Die Känguru-Chroniken“ etwa, deren kommerzielles Potential noch nicht ausgereizt war.

          Das wird nicht leicht auf einem überfüllten Kinomarkt. Mehr als 550 Filme kommen jährlich in deutsche Kinos, was zu viele sind, um Produzenten, Verleihern und Kinobetreibern vernünftige Renditen zu verschaffen. Diese Menge erfordert exakte Terminplanung, vor allem für größere Filme mit internationalen Starts, wegen der enormen Werbebudgets.

          Für die Zuschauer ist der Filmstau, der nun durch die zahlreichen Verschiebungen entstehen wird, kaum wahrnehmbar. Das Publikum richtet sich nach dem je verfügbaren Angebot: Kommt der neue Bond nicht jetzt, kommt er im Herbst. Die Überproduktionskrise, die lange vor der Pandemie da war, berührt das Publikum nicht.

          Der große Filmstau

          Ökonomisch aber sind Schließung und Filmstau für Kinos und Verleihe schnell existenzbedrohend. Jürgen Hillmer, seit 30 Jahren im Kinogeschäft, zeigt trotzdem eine gewisse Gelassenheit.

          „Wir fühlen uns gut aufgestellt“, sagt er, drei Monate könne man wohl überleben, ohne dass das Geschäftsmodell des Arthousekinos gefährdet sei; man werde einige Zeit brauchen, um wieder in die Gewinnzone zu kommen, eventuell auch Überbrückungskredite benötigen. Nur viel länger dürfe es nicht dauern.

          „Wir kommen zurück - Lebe lang und sei erfolgreich“ - ein Kino in Kiel verabschiedet sich auf Zeit.

          Dass geschlossene Kinos sich auf das Zuschauerverhalten auswirken und die Streamingportale stärken, befürchtet Hillmer nicht. Er sei „relativ zuversichtlich“, dass Menschen sich nach längerem Verzicht freuen würden, wieder Filme in Gemeinschaft zu sehen.

          Das Kino als Gemeinwesen

          Unter den Plakaten, die bei ihm im Kinofoyer hängen, hatte Hillmer erzählt, sei auch das von „Undine“, dem neuen Film von Christian Petzold. Paula Beer, die auf der Berlinale den Preis für die beste Darstellerin erhielt, ist dort als moderne Wassernymphe zu sehen.

          „Undine“ sollte am kommenden Donnerstag in die Kinos kommen. Wie so viele Filme wurde er verschoben, auf den 11. Juni. Eine recht optimistische Terminierung. Petzold erzählt, dass er gerade in Paris war. Dort sollte „Undine“ am 1. April anlaufen, in 180 Kinos, 25 davon allein in Paris. Die Terminverschiebung sei für ihn nicht das Problem.

          Schlimm sei es für die Filme, die gerade gestartet wurden und zum Teil nur einen Tag oder eine Woche im Kino zu sehen waren. Für den Verleih seien die Herausbringungskosten verloren. Ein zweites Mal könne man die kaum im selben Umfang investieren.

          Das Geld ist weg

          Die Hauptleidtragenden jedoch seien die Kinos, die Angestellten, vielen bliebe nur der Gang zum Jobcenter. Und für kleinere Betriebe gehe es ums bloße Überleben. Die Produzenten dagegen könnten es, auch wenn sie sich am lautesten beschwerten, am ehesten aushalten.

          Christian Petzold, Regisseur von „Undine“, mit seiner Hauptdarstellerin Paula Beer, die bei der Berlinale einen silbernen Bären für die beste Darstellerin gewann.

          „Das Kino“, sagt Petzold, „ist ein Gemeinwesen“. Deshalb benötige es auch staatliche Hilfe, als Teil der Öffentlichkeit. Der Kinoraum werde ihm nach kurzer Zeit so fehlen, „ich würde mir, wenn es sonst nichts gäbe, sogar die ,Tagesschau‘ in Cinemascope angucken“, sagt er lachend.

          Insofern glaubt er auch, dass eine verstärkte Lust auf Kino da sein wird, sobald die ersten Häuser wieder öffnen. Aber weil Petzold schon immer einer war, der über den Rand des Kinos hinausblickt, sagt er zum Schluss dann noch einen dunkleren Satz zur Lage: „Wenn die Leute Angst bekommen, dann ist es auch mit der Disziplin vorbei.“

          Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino e.V., des Hauptverbands Deutscher Filmtheater, und früher in der Filmförderung und als Festivalintendantin tätig, hat in den letzten Tagen ständig mit zahlreichen Betroffenen geredet. Mit Kinobesitzern, Verleihern, auch mit dem Arbeitsministerium über die Frage, wer denn nun Kurzarbeit beantragen könne.

          Gefährdeter Mittelstand

          Diese Krise, sagt sie, betreffe die ganze mittelständische Filmbranche, „alle sind in einem Boot“, nachdem auch sämtliche Dreharbeiten eingestellt worden sind. Am wichtigsten sei derzeit bei allen das Personal: „Was kann man tun als Unternehmer? Wie kann man die Mitarbeiter schützen?“

          Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino e.V., des Hauptverbands Deutscher Filmtheater.

          Christine Berg erwähnt auch andere dringliche Themen: Dass die GEMA den Kinobetreibern die Gebühren stundet, dass die Finanzämter Verständnis zeigen, auch die Vermieter. Große Reserven hätten nur die wenigsten Kinobetreiber. Das deckt sich mit anderen Befunden. Auch im Fußball, so heißt es, die meisten lebten wie im Sprichwort von der Hand in den Mund.

          Und sie berichtet, man habe mal überschlagen, wie hoch der Verlust sei, wenn man nur die Kinobetriebe in den Blick nehme: 17 Millionen Euro pro Woche. Für diese Summe kann man in Deutschland ein paar Filme produzieren. Sie hoffe sehr auf staatliche Hilfe, sagt Berg, anders werde man das, wie auch in anderen Branchen, kaum bewältigen können.

          Angst vorm Erdrutsch

          Und natürlich könne man nur in Abstimmung mit den anderen Marktteilnehmern zu sinnvollen Lösungen kommen, um einen Superstau der ungezeigten Filme zu vermeiden. Es sei, da wird sie sehr entschieden, „ein falsches Signal“, wenn man das Problem lösen wolle, indem man einfach die Frist zwischen Kinoauswertung und Stream oder DVD weiter verkürze oder ganz einkassiere.

          Das gefährde „die Zukunft des Kinos“. Es seien Filme, die fürs Kino gemacht wurden und zuerst dort gezeigt werden sollten. Wenn man diese Grenze einmal aufweiche, könnte das einen Erdrutsch bewirken.

          Verzichten wird man in diesem Jahr wohl auch auf den Deutschen Filmpreis. Zumindest auf die Gala und den Glamour. Der Schauspieler Ulrich Matthes, Präsident der ausrichtenden Deutschen Filmakademie, sagt, dass die Preise in jedem Fall verliehen werden; in welchem Rahmen, daran werde noch gearbeitet.

          Ein Zeichen des Stolzes

          „Aber wir wollen diesen einen Tag für die großartigen Leistungen der Branche, es muss ein Zeichen geben, das sagt: ,Wir sind stolz auf Euch!‘“ Und die nicht geringen Preisgelder – der Filmpreis ist mit fast drei Millionen Euro dotiert – dienen ja auch dem Fortbestand einer Branche, die schwer angezählt aus der Pandemie hervorgehen wird.

          Ulrich Matthes, Schauspieler und Präsident der deutschen Filmakademie.

          Er selbst sei „total privilegiert“ mit seinem festen Engagement am Deutschen Theater, sagt Matthes, umso intensiver versuche er, Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen zu ermutigen. „Es sind vielleicht hilflose Gesten der Solidarität“, sagt er, „aber ich neige zu einer Art romantischem Idealismus, vielleicht erwacht ja wirklich eine Welle der Solidarität.“

          Die vier Wörter „wenn es vorbei ist“ kommen oft vor bei ihm, immer mit spürbarer Hoffnung in der Stimme: Dass wir wieder „dankbar“ sein werden für gemeinschaftliche Erfahrungen in Kino und Theater, auch in Konzerten oder Museen; dass man einander weniger hart attackiere. Und dass es dann auch mit dem Populismus vorbei sei. „Wir glauben an die Zukunft des Kinos“, sagt er zum Abschied mit ansteckender Emphase, nachdem wir einander Gesundheit gewünscht haben.

          Gesten der Solidarität

          Man muss natürlich im Filmgeschäft vorsichtig sein wie bei allen anderen Szenarien im Kulturbetrieb. Erst recht dort, wo global operierende Entertainmentkonzerne wie Disney, Warner oder andere um ihre Milliardenumsätze und Renditen fürchten. Es könnte schon sein, dass sich die gesamte Entertainmentlandschaft in einem Zustand wiederfinden wird, der in den Businessplänen in Hollywood oder auch in der deutschen Förderwelt nie aufgetaucht ist.

          Es wird vermutlich nicht abgehen ohne Insolvenzen, wobei dann nicht allein Corona die Ursache gewesen sein dürfte, weil einige Kleinbetriebe schon länger taumeln. Es wird wohl auch keine Profiteure geben.

          Selbst die großen Streamer wie Netflix haben ja, wie alle Erzeuger von sogenanntem Content, ihre Eigenproduktionen vorerst einstellen müssen. Ausgeschlossen ist es nicht, dass es zu einer Art Marktbereinigung kommt.

          Eine Art Marktbereinigung

          Den Begriff möchte zwar keiner in den Mund nehmen, aber direkt darauf angesprochen, sagt Christine Berg: „Es wäre schön, wenn wir alle aus der Situation lernen und uns die Frage beantworten: Wie schaffen wir es, dass es weniger Filme werden?“ Antworten auf diese Frage werden auch vor der Produktion nicht haltmachen, nicht vor der Filmförderung. Aber noch ist es zu früh, um die Dominoeffekte und Streuwirkungen zu kalkulieren.

          Während hier über mögliche Verlaufsformen der Krise spekuliert wird, haben in China die ersten Kinos wiedereröffnet. Das Publikum hielt sich zwar noch sehr zurück.

          Aber in einer Studie des chinesischen Dienstleisters Maoyan zählte ein Kinobesuch zu den Aktivitäten, auf die Chinesen sich am meisten freuen. Nur gemeinsames Essen mit Freunden war begehrter. Von solchen „Wenn es vorbei ist“-Wünschen sind wir noch ein ganzes Stück entfernt.

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