https://www.faz.net/-gqz-9as6g

Shirin Neshat im Gespräch : Wir rauchten Gras und hörten Oum Kulthum

  • -Aktualisiert am

Kiarostamis Goldene Palme in Cannes 1997 für „Der Geschmack der Kirsche“ bedeutete für viele Iraner eine Rehabilitation in ihrer Würde als Kulturnation.

Ja. Wir Künstler haben alles getan, um das Bild Irans in der Welt geradezurücken. Auch Irans Präsident Rohani war damals in Davos, ich konnte ihn direkt ansprechen, dass es nun an ihm liege, Iran aus der „Achse des Bösen“ zu befreien und ein neues Image zu geben. Iraner haben viel Hochachtung vor Filmemachern und Künstlern, weil sie die echte Stimme des Volkes sind. Mit ihren fiktionalen Geschichten erzählen sie von der Realität unseres Landes. Ja, ich glaube daran, dass Künstler Botschafter des Friedens und der Veränderung sind.

Wie sehr beeinflusst Ihre Herkunft Ihre Kunst?

Da ich seit 1996 außerhalb Irans arbeite, habe ich einen sehr nostalgischen Blick auf das Land. Das hat meine Arbeit stets beeinflusst. „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ war für mich so herausfordernd, weil ich Iran ein Stück weit hinter mir lassen musste. Aber ich werde immer eine iranische Perspektive in mir tragen.

Die internationale Kunstszene wurde in den neunziger Jahren auf Sie aufmerksam, als Sie für die Fotoserie „Women of Allah“ Frauenhände mit persischen Gedichten beschrieben. Wie hat sich die Motivation für Ihre Arbeit seither verändert?

Meine Arbeit entstand aus meiner Faszination für den weiblichen Körper und daraus, dass er so ein Problem in der islamischen Gesellschaft war. Der Körper der Frau wurde zum Kriegsschauplatz männlicher Ideologien, man denke nur an den Kopftuchzwang. Mich hat der Widerstand der Frauen in der Islamischen Revolution interessiert, es gab sogar Märtyrerinnen.

Bei „Women of Allah“ ging es um eine Komposition von Frauen, Text, Waffen und Schleier. Die Serie handelt von dem Widerspruch, dass Regierung und Religion Frauen für so erotisch hielten, dass man sie verschleiern muss, sie jedoch gleichzeitig in den Krieg schickten. Frauen können Leben schenken, mussten aber töten. Die Prosa wurde individuell ausgewählt und wurde zu einem Bestandteil der Frauen, die ihn auf ihren Körpern trugen.

Was werden Sie jetzt als Nächstes machen?

Vor kurzem habe ich die junge Friedensnobelpreis-Gewinnerin Malala Yousafzai fotografiert, ein Auftrag der National Portrait Gallery in London. Danach wende ich mich nach Amerika, den nächsten Film drehe ich mit Jean-Claude Carrière, es geht um eine iranische Frau in den Vereinigten Staaten.

Also bleibt Iran die zentrale Quelle Ihrer Inspiration.

Vermutlich versuche ich immer noch, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen. Ich war 17 Jahre alt, als ich ganz auf mich allein gestellt von Teheran in die Vereinigten Staaten kam. Ich lebe seitdem getrennt von meiner Familie. Daher versucht meine Kunst wohl, Kontakt zur Vergangenheit herzustellen.

Ist in gewisser Weise Ihre Kunst zur neuen Heimat geworden?

Vollkommen richtig. Ich bin eine künstlerische Nomadin.

Und was hat Sie zur Feministin werden lassen?

Feminismus liegt in der Natur iranischer Frauen. Ich sage oft: Wenn die Regierung Irans je gestürzt wird, dann von den persischen Frauen. Ich weiß nicht, ob ich den klassischen Merkmalen einer Feministin entspreche, aber ich liebe iranische Frauen von ganzem Herzen. Sie sind unglaublich! Je mehr sie mit dem Rücken zur Wand stehen, desto kreativer und stärker werden sie. Das habe ich woanders nie erlebt. Es inspiriert mich bei allem, was ich tue. Sie fallen und stehen wieder auf. Das gibt mir selbst viel Hoffnung.

„Auf der Suche nach Oum Kulthum“ – von Donnerstag an im Kino

Weitere Themen

Topmeldungen

Nicht zu stoppen: Boris Johnson

May-Nachfolge : Johnson auch in vierter Auswahlrunde klar vorn

Boris Johnson hat auch die vorletzte Auswahlrunde bei den britischen Konservativen gewonnen. Innenminister Sajid Javid schied aus. Noch heute folgt die letzte Abstimmung bei den Tory-Abgeordneten.
Europäisches Tandem: Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian (links) und sein deutscher Amtskollege Heiko Maas am Mittwoch in Paris

Plan wider die Lähmung : So wollen Maas und Le Drian Europa stärken

Das deutsch-französische Tandem stockt. Die Außenministerien in Berlin und Paris haben hinter den Kulissen ein Programm entwickelt, wie es künftig besser laufen kann – und Europa handlungsfähiger werden soll.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.