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Shirin Neshat im Gespräch : Wir rauchten Gras und hörten Oum Kulthum

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Sie hat nie zugelassen, dass ihre Weiblichkeit ihre Karriere beengt. Sie war nicht verheiratet, sie ging nur eine Scheinehe ein, weil es ihr damals mehr Bequemlichkeit und Freiheit schenkte. Heute weiß man, dass sie lesbisch war, sie hatte nie eigene Kinder. Die Frage ist noch heute, welchen Preis Frauen bezahlen müssen, um als Künstlerin erfolgreich zu sein. Viele große Künstlerinnen mussten viel opfern, Frida Kahlo, Cindy Sherman, Marina Abramović hatten nie Kinder. Selbst sie dachten, dass sie nicht beide Aspekte des Lebens zu 100 Prozent ausfüllen können. Und Kompromisse wollten sie nicht machen!

Können Sie erklären, warum Oum Kulthum bis heute vergöttert wird? Warum ihr Gesang die Menschen verzückte und zu Tränen rührte?

Wenn man sich ihre Karriere vor Augen führt, kann man es nachvollziehen: Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen in einem streng religiösen Dorf auf. Ihr Vater und Bruder haben religiöse Musik gespielt und nahmen Oum als Jungen verkleidet mit auf die Bühne. Bei ihren ersten Auftritten sang sie Zeilen aus dem Koran – und war damals schon grandios. Damit hatte sie die religiösen Konservativen auf ihrer Seite. In Kairo trat sie mit Orchester auf, ihre Musik bewegte sich in eine eher mystische Richtung. Ihre Texte über leidenschaftliche Liebe waren doppeldeutig, konnten sich auf einen Menschen beziehen oder auf Gott, wie in der islamischen Mystik. Diese Bilder brachten ihr Vergleiche mit dem legendären Mystiker Rumi ein.

Gab es einen Höhepunkt ihres Ruhms?

Jenseits der vierzig wurde Oum eleganter und glamouröser, was an ihrer Nähe zu König Faruk lag. Aus der Bauerntochter war eine Dame der höheren Gesellschaft geworden. Bei der sozialen Revolution von 1952 lernte sie den späteren Präsidenten Nasser kennen. Das Land fiel in eine tiefe Krise, die sich 1967 durch den Krieg mit Israel verschlimmerte. Der Wirtschaft ging es miserabel, das Land litt, und Oum wurde zur Patriotin, engagierte sich für ihr Land, sammelte Spenden für die Armee und sang sogar die Nationalhymne. Damit erreichte sie noch mal eine neue Ebene.

Die der Landes-Übermutter?

Auf gewisse Weise rettete sie damals das ganze Land, weil sie Ägypten seine Würde und Selbstachtung zurückgab. Sie wurde eine Art inoffizielle Königin. Ihre Macht nutzte sie, um sich politisch einzusetzen, sie trat für eine panarabische Union ein und besuchte Israel, Algerien, Tunesien, Saudi-Arabien, sogar Moskau. Sie war das Nationalsymbol, der Stolz ihres Landes.

Oum Kulthum engagierte sich für die Einheit des Nahen Ostens. Haben Sie auch die Hoffnung, dass Kunst Menschen verbinden und Krisenherde befrieden kann?

Ich wurde vor drei, vier Jahren eingeladen, beim „World Economic Forum“ in Davos vor Staatsmännern zu sprechen, Matt Damon und mir wurde dort ein Preis verliehen. Es war nicht leicht, zu Menschen zu sprechen, die selten mit Künstlern konfrontiert sind. Ich sprach von der Macht der Geschichten: Dass Künstler durch ihre Arbeit Wahrheiten transportieren können, die besser verstanden werden als bloße Fakten. In gewisser Weise ist Kunst eine Lüge, die eine tiefere Wahrheit kommuniziert. Kunst spricht Menschen aus der Seele. Wir erreichen unsere Adressaten über die Gefühle, aber dieser Weg wird Diplomaten immer verschlossen sein.

Kunst ist effektiver als Diplomatie?

Ich habe in meiner Rede das Beispiel Iran angeführt: Seit der Islamischen Revolution geben wir das traurige Bild eines Landes ab, das von Fanatismus, Diktatur und Mullahs regiert wird. Aber es waren die wunderbaren Künstler und Poeten unseres Landes, die Kiarostamis und Farhadis, die ihre Stimme in einer Zeit nutzten, in der es kaum Unterstützung und Meinungsfreiheit gab, um das Land in gewisser Weise zu retten.

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