https://www.faz.net/-gqz-nndv

Kino : Schwarze Seele, heißes Herz

Martin Scorsese kehrt zurück in den Kosmos der Mafia. Sein Film „The Departed“ mit Leonardo DiCaprio, Jack Nicholson und Matt Damon ist eine Verneigung des Regisseurs vor seinen Nachahmern - und könnte ihm endlich einen Oscar einbringen.

          Das Bild am Anfang ist grobkörnig und verwischt, die Stimme, die aus dem Off zu uns spricht, bedrohlich ruhig. Wir sehen Fetzen von Straßenkämpfen, Prügeleien, und wir hören Sätze wie diesen: „Ich will nicht Produkt meiner Umgebung sein, ich will, daß die Umgebung mein Produkt ist. Früher hatten wir die Kirche, was eine Art ist zu sagen, wir hatten einander. Zwanzig Jahre nachdem ein Ire hier keinen verdammten Job kriegen konnte, hatten wir die Präsidentschaft. Das ist's, was die Nigger nicht begreifen. Wenn es was gibt, das ich gegen die schwarzen Säcke habe, dann dies - niemand gibt dir irgendwas. Du mußt es dir nehmen.“ Dann schwingt die Kamera in einer atemraubenden Volte in einen Laden mit Diner, Mick Jagger faucht „Gimme Shelter“, die dunkle Stimme spricht weiter ihre mobphilosophische Liturgie, während der Schatten des Sprechers von einer Seite zur anderen wandert. Und bevor wir sehen, wie aus diesem Schatten Jack Nicholson als Mafiaboß Frank Costello ins Licht tritt, wissen wir: Um diesen Scorsese-Film müssen wir uns keine Sorgen machen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Martin Scorsese ist wieder, wo er, wie alle Welt denkt, hingehört, im Kosmos der Mafia, und er hat den richtigen Soundtrack parat (von den Stones bis Donizetti) und den richtigen Kameramann (zum siebten Mal für Scorsese: Michael Ballhaus), der den Rhythmus aufnimmt und für mal diffuses, mal stechend klares Licht sorgt, und die Frau im Schneideraum (wie immer: Thelma Schoonmaker), die den Fluß der Bilder, die harschen Brüche und schnellen Blick- und Schußwechsel mit so traumhafter Leichtigkeit montiert, daß wir keinen Absturz fürchten müssen. Kurz: Seit langen Jahren hat Martin Scorsese mit „The Departed - Unter Feinden“ wieder einen Film gedreht, der alles hat, was wir an ihm lieben - nur eine große Seele wurde von einigen amerikanischen Kritikern vermißt, aber schließlich handelt es sich um einen Film über die Mafia, und wo säße da die Seele? Vielleicht meinten sie den religiösen Subtext, die katholischen Vergebungsdeals und Auferstehungsträume, die Scorsese, anders als früher, hier links liegenläßt. Er bleibt im Genre, in dem es keine Rettung gibt.

          Aura tiefer Verehrung

          Natürlich nähren sich Scorseses Phantasie und Genie gar nicht von der Welt der Mafia, sondern von der Geschichte des Kinos und seiner Genres. Nur alle anderthalb Jahrzehnte dreht er einen Mafia-Film, und immer, wenn es soweit ist, heißt es, weil er sich so selbstverständlich und entspannt durch diese Welt bewegt: Hier ist er zu Hause. Das war bei „Mean Streets“ 1973 so, bei „GoodFellas“ 1990, und jetzt bei „The Departed“ ist es das gleiche. Dabei lebt Scorseses Legende längst in allen Genres (außer vielleicht der Komödie), und in vielen Ländern ist um ihn für seine Art der Unbedingtheit im Filmemachen eine Aura tiefer Verehrung gewachsen.

          Auch zum Beispiel in Hongkong. Dessen im Westen berühmteste Filmemacher, von John Woo über Wong Kar-wei zu Andrew Lau, haben in ihren Filmen gezeigt, was sie von ihm gelernt haben. Jetzt geht Scorsese den umgekehrten Weg und verbeugt sich seinerseits. Als Vorlage für seinen neuen Film nimmt er Andrew Laus „Infernal Affairs“, der vor einigen Jahren das Genre des Hongkong-Thrillers krönte, mit einem tieftraurigen Tony Leung und einem smarten, gefährlichen Andie Lau in den Hauptrollen und einem Licht, dem Laus Kameramann Christopher Doyle einen Grünstich gibt, als wären alle, denen wir beim Verrat, beim Töten und beim Sterben zusehen, schon lange tot. „The Departed“ (Die Verblichenen) ist ein großartiger Titel für einen Film, der diese Geschichte noch einmal erzählt.

          Weitere Themen

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

          Streit um EU-Jobs : EVP-Kandidat Weber greift Macron an

          Manfred Weber geht im Ringen um den Job als EU-Kommissionspräsident in die Offensive. Er wirft seinen Gegnern destruktives Verhalten vor und warnt: „Die Frustration von Wählern ist absehbar.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.