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Kino : Schlaflos in Tokio: Sofia Coppolas "Lost in Translation"

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In den fünfziger Jahren hätte so ein Film bei uns womöglich "Begegnung des Schicksals" geheißen, in den Sechzigern "Hotelgeflüster", in den Siebzigern "Liebe ist nur ein Wort", in den Achtzigern "Tokyo Story“. Und nun heißt er „Lost in Translation“, auch wenn das ein eigentümlich spröder Titel für einen ganz schön herzerwärmenden Film ist.

          In den fünfziger Jahren hätte so ein Film bei uns womöglich "Begegnung des Schicksals" geheißen, in den Sechzigern "Hotelgeflüster", in den Siebzigern "Liebe ist nur ein Wort", in den Achtzigern "Tokyo Story" - heutzutage zerbricht man sich nicht mehr den Kopf für Synchrontitel und baut auf die Anziehungskraft alles Englischen, auch wenn "Lost in Translation" ein eigentümlich spröder Titel für einen ganz schön herzerwärmenden Film ist. Als Zuschauer sollte man sich den Titel zu Herzen nehmen und versuchen, die Originalfassung zu sehen, damit durch die Übersetzung nichts verlorengeht. Und sei es nur, um Bill Murray zu hören, wie er seinen unsinnigen Werbespruch für eine japanische Whiskey-Marke immer neu moduliert: "For relaxing times, make it Suntory time!"

          Murray spielt einen amerikanischen Action-Star, dessen Name in Japan offenbar besser klingt als in seiner Heimat und der nach Tokio kommt, um für viel Geld einen Werbespot für Suntory-Whiskey zu drehen. Da sitzt er also im Smoking im Studio, ein Glas mit goldgelber Flüssigkeit in der Hand, und versucht so entspannt zu gucken, wie es jemandem wie ihm eben möglich ist, wenn ein japanischer Jungregisseur endlos auf ihn einredet und die Übersetzerin auf die Frage, was der Junge gesagt habe, lediglich erklärt, er solle sich zur Kamera drehen. Ob das alles sei, meint Murray etwas verwirrt, er habe den Eindruck, der Regisseur habe mehr gesagt. Nein, nein, zur Kamera drehen und mit mehr Intensität. Man kann natürlich sagen, daß die Szene vor allem deshalb so komisch ist, weil Murrays Blick alles sagt. Man kann dabei zusehen, wie seine Entgeisterung auf die Resignation eines Mannes trifft, der eigentlich aufgehört hat, sich über die Seltsamkeiten des Lebens zu wundern. Aber man muß eigentlich auch hören, wie all das einfließt in die Art, wie er den Spruch aufsagt, wieder und wieder, mit einem mühsam unterdrückten maliziösen Lächeln, das sich über sein eigenes luxuriöses Schicksal lustig zu machen scheint, und einem Blick, der nicht nur durch Whiskey stumpf geworden ist. Er habe sich bei der Darstellung, sagte Murray in einem Interview, an einem Werbeplakat orientiert, wo Harrison Ford für japanisches Bier Werbung machte.

          In dieser Szene ist der Komiker Bill Murray natürlich ganz bei sich, weil er sich auf vertrautem Terrain bewegt, aber wenn er für diese Rolle einen Oscar gewinnt, was nicht nur möglich, sondern überfällig wäre, dann, weil er es schafft, einen Mann zu spielen, dem man ansieht, daß er unter seiner ungerührten Oberfläche eigentlich außer sich ist, und weil er trotzdem den Film nicht an sich reißt, sondern in der Lage ist, ihn mit seiner jungen Partnerin Scarlett Johansson zu teilen, ihr jenen Raum zu lassen, der einen Dialog zwischen zwei verlorenen Seelen ermöglicht. Auch wenn sein Name der größere ist, ist dies kein Bill-Murray-Film, sondern ein Murray-Johansson-Film, um nicht einfach zu sagen ein Sofia-Coppola-Film.

          Als Sofia Coppolas auch schon sehr schöner Erstling "The Virgin Suicides" ins Kino kam, war dem kritischen Lob eine gewisse Zurückhaltung anzumerken, als bliebe abzuwarten, wieviel die Arbeit der Tochter dem berühmten Vater verdankt. Nach "Lost in Translation" darf man befriedigt feststellen, daß Sofia vor allem das Talent geerbt hat, ihren eigenen Weg zu gehen, und dabei auch ihren Exmann Spike Jonze hinter sich gelassen hat, der bei "Being John Malkovich" und "Adaptation" nie unter dem Vorbehalt einer zu großen Nähe zum Coppola-Clan gesehen wurde. Die einzige Schwierigkeit bei der Bewertung von Sofia Coppolas zweitem Film besteht eigentlich nur darin, daß er für all die großen Worte, die bereits gemacht wurden, im Grunde viel zu intim und zart ist.

          Zwei Amerikaner in Japan, er in den Fünfzigern, sie in den Zwanzigern, er seit fünfundzwanzig, sie seit zwei Jahren verheiratet. Er führt sporadisch Telefonate mit seiner Frau, die vor allem wissen will, welche Farbe er sich für den Teppich im Arbeitszimmer vorstelle; sie ist hingegen gemeinsam mit ihrem Mann (Giovanni Ribisi) in Tokio, der aber als Starfotograf anderes im Sinn hat, als sich um seine junge Gattin zu kümmern. So lassen sich die beiden einsamen Seelen durch das Luxushotel treiben, von Air-condition und gedämpfter Beleuchtung in jene Watte gepackt, durch die das wirkliche Leben nicht mehr spürbar ist. Sie wandert tagsüber die Sehenswürdigkeiten ab, er hängt an der Bar und läßt sich von Alkohol und Hotelmusik einlullen, und so kann es nicht ausbleiben, daß die beiden sich in jener Mischung aus Schlaflosigkeit und uneingestandenem Unglück irgendwann begegnen. Und man ertappt sich dabei, wie man den beiden ein Glück erhofft, das die Kinokonvention für Liebende bereithält und dessen Erfüllung nicht nur die Jahrzehnte zwischen den beiden entgegenstehen, sondern vor allem die delikate Art, mit der Sofia Coppola dem ungleichen Paar etwas beschert, was ungleich schöner und richtiger ist als alles, was sich die Konvention erträumt.

          Den Titel "Lost in Translation" muß man nicht unbedingt wörtlich nehmen. Seinen Sinn findet er weniger in jenen Szenen, wo der Regisseur auf Murray einredet oder eine Prostituierte ihn zu etwas mehr Engagement zu zwingen versucht, sondern in dem beständigen Versuch der beiden Schlaf- und Haltlosen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sowohl den Ehepartnern gegenüber als auch zueinander. So sind sie geeint im Ringen um den richtigen, den angemessenen Ausdruck und auch darum, sich ihrer Gefühle überhaupt klar zu werden. Und nur so kann es passieren, daß all ihr Sehnen in einer einzigen Einstellung zusammenfließt, bei der man die beiden von oben im Bett liegen sieht, er kerzengerade auf dem Rücken und sie zusammengerollt neben ihn, und man sich kein größeres Glück vorstellen mag als die Berührung zwischen ihrem Zeh und seinem Bein.

          Es spricht vielleicht nicht für den Zustand des amerikanischen Kinos, daß um so einen stillen Film so ein Aufhebens gemacht wird, aber es spricht sehr für Sofia Coppolas Talent, daß sie es schafft, diese unmögliche Balance zwischen Wachen und Träumen zu halten. Sie hat diesen Film für Bill Murray geschrieben und er belohnt sie damit, daß er einen Auftritt in einer japanischen Karaoke-Bar nicht dazu nutzt, eine Show abzuziehen, sondern sich einfach bemüht Roxy Musics "More Than This" so wahrhaftig wie möglich mitzusingen. Mehr als das kann man sich von einem Mann wie ihm in einem Film wie diesem kaum wünschen.

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