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Kino : Schießen Sie nicht auf den Kapitalisten

Remy (Remy Girard) und die Seinen Bild: AP Photo/Prokino Fox

Siebzehn Jahre nach seinem Film „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ versammelt Denys Arcand seine alte Darstellerriege noch einmal für „Die Invasion der Barbaren“ - wiederum das Porträt einer Generation.

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          Die Invasion der Barbaren erfolgt im Stil der Zeit. Mit dem Privatjet landet der Terminhändler Sébastien auf dem Flughafen von Montreal, als einziges Gepäck einen Laptop und eine gutgefüllte Brieftasche, am Arm seine bildhübsche Verlobte Gaëlle. Dann fährt er ins Spital, wo sein mit ihm zerstrittener todkranker Vater liegt - und von dem Moment an, in dem er das Krankenzimmer betritt, beginnt sich Sébastien vom verlorenen zum treusorgenden Sohn zu wandeln, und das konsequenterweise mit all den Mitteln, die erfolgreichen Finanzjongleuren zu Gebote stehen. Verwaltungsdirektorin und Gewerkschaft besticht er, um dem Vater ein Einzelzimmer zu sichern, er steigt in die Drogenszene ein, um schmerzlinderndes Heroin zu beschaffen, er nutzt Mobiltelefon und Laptop, um die über alle Welt verstreuten Freunde und Verwandten zusammenzutrommeln, und schließlich fliegt er mit Gaëlle nach dem Tod des Vaters wieder nach London zurück, doch diesmal geläutert in einer normalen Linienmaschine.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sébastien kennen wir bereits, auch wenn wir ihn nie zuvor gesehen haben. Er ist das ältere von zwei Kindern des frankokanadischen Geschichtsprofessors Rémy und dessen Frau Louise. In dem 1986 erschienenen Film "Der Untergang des amerikanischen Imperiums" von Denys Arcand waren diese lediglich erwähnten Kinder das moralische Gegengewicht zu den sexuellen Eskapaden, von denen Rémy in entspannter männlicher Kollegenrunde berichtete. Arcands Meisterschaft damals bestand darin, Frauen und Männer zunächst jeweils unter sich über die eigenen sexuellen Präferenzen berichten zu lassen, bis die acht Protagonisten sich am Schluß zum Diner im Cottage eines der Historiker versammeln und dort die Lebenslüge von Rémy und Louise entlarvt wird. Das alles geschah mit einer dramaturgischen Zwangsläufigkeit und einem derart beißenden Spott gegenüber sämtlichen Figuren, daß der Film sich einen legendären Ruf erwarb. Wäre er nicht in Québec, sondern in den Vereinigten Staaten entstanden, hätte er dort den Schock von Steven Soderberghs "Sex, Lügen und Video" um drei Jahre vorweggenommen.

          Verlorener Sohn als Retter

          Siebzehn Jahre später wiederum hat Arcand die sechs wichtigsten Akteure seiner alten Darstellerriege noch einmal versammelt und "Die Invasion der Barbaren" gedreht. Das Paradox, daß die Fortsetzung einen Titel trägt, der - in historischer Analogie betrachtet - der Benennung des ersten Teils zeitlich vorausgeht, klärt sich, wenn man die Wirkung des vom sterbenden Rémy zärtlich zum "Barbarenprinzen" erhobenen Sébastien betrachtet: Wie das Römische Reich nach seinem Zusammenbruch von den eingefallenen Barbarenfürsten in Teilen erhalten wurde, so erweist sich auch der an den Kapitalismus verlorene Sohn als Retter der Ideale seines Vaters. Im völlig überfüllten Krankenhaus, durch dessen endlose, mit Betten vollgestellte Gänge gleich zu Beginn eine Kamerafahrt führt, die das ganze Elend eines kollabierenden Wohlfahrtsstaats einfängt, sorgt er für das Überleben jenes Wertes, den schon der erste Film als Illusion bezeichnet hatte: Menschlichkeit.

          In "Der Untergang des amerikanischen Imperiums" blieb es dem homosexuellen Dozenten Claude überlassen, die verzweifelte Louise zu trösten - dieser melodramatische Schluß hatte etwas Irritierendes in der galligen Atmosphäre des Films. Doch mit noch etwas mehr Abstand wird man ihn wohl immer weniger als schwarze Komödie, deren Humor sich heute abgenutzt hat, denn als Dokumentation des Endes einer Epoche begreifen. Man konnte es als historischen Witz verstehen, daß drei Jahre nach dem Film der Untergang des sowjetischen Imperiums stattfand. Doch Arcands Werk - das darf man nie vergessen - war eine Farce, wollte Satyrspiel sein, vor allem zu all den gesellschaftlichen Umbrüchen seiner Zeit.

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