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Kino : Rote Erde: Julio Medems "Tierra" kommt nun auch bei uns zum Einsatz

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Der Mann ist ein hoffnungsloser Romantiker. Genau das macht den Zauber von Julio Medems Filmen aus, daß er auf die Erde blickt wie auf ein fernes Gestirn, dessen Naturgesetze nur den Regeln des Herzens zu gehorchen scheinen.

          Der Mann ist ein hoffnungsloser Romantiker. Wenn Julio Medem in den Nachthimmel blickt, dann scheint stets der Vollmond, und wenn zwei Liebende telefonieren, so wie in der schönsten Einstellung von "Tierra", dann rast die Kamera die Telefonleitungen entlang durch die Nacht und verliert dabei nie den vollen Mond aus den Augen, in dessen gnädigem Licht die Herzen verrückt spielen. Wie in seinen späteren Filmen "Die Liebenden des Polarkreises" und "Lucia und der Sex" geht es auch in dem neun Jahre alten "Tierra" um die Liebe und darum, wie sie alle physikalischen Gesetze außer Kraft setzt. Diesen unbedingten Glauben, daß die Begegnung zweier Menschen sie aller Schwerkraft enthebt, teilt der baskische Regisseur allenfalls noch mit Tom Tykwer.

          Wenn bei Medem der Held Angel heißt, dann kann man sicher sein, daß man es mit einem Engel zu tun hat, und wenn er einer Frau namens Angela begegnet, dann sind sie natürlich füreinander bestimmt. Angel (Carmelo Gomez) reist als Schädlingsbekämpfer übers Land, besucht Bauern, um ihnen klarzumachen, daß eine bestimmte Asselsorte ihren Wein verdirbt. Vorher war er offenbar in der Psychiatrie wegen seiner allzu blühenden Phantasie, doch inzwischen scheint er geheilt, wenn man davon absieht, daß er immer wieder Zwiesprache mit seinem unsichtbaren Alter ego führt. Er ist also eigentlich schizophren, aber völlig harmlos. Psychologie ist ohnehin nicht so wichtig bei Medem, was zählt, sind die Zeichen und Wunder, die seinen Weg begleiten.

          Irgendwo zwischen den Urgewalten

          Als Angel anhält, um ein verirrtes Schaf von der Straße zu tragen, findet er den Schäfer und vier seiner Tiere vom Blitz getroffen. Der Leblose erwacht noch ein letztes Mal, berichtet vom Jenseits, schenkt Angel die vier stocksteifen toten Schafe und stirbt dann ein zweites Mal. Wer nicht an Zufälle glaubt, wird bei Medem nicht glücklich werden, denn der Blitz wird später noch ein zweites Mal einschlagen und der Geschichte eine neue Wendung geben.

          Es geht wie immer bei Medem ums große Ganze, um die Verkettungen des Schicksals, um das Netz, das all seine Liebenden umfängt und das am Ende eine große Landkarte der Herzen bildet. Schon am Anfang fliegt die Kamera durchs All, nähert sich durch Nebelschwaden der Erde, stürzt aufs topographische Muster der Landschaft zu und endet auf der roten Erde, auf der die Weinreben seltsame Formen bilden und die Asseln ihr Werk verrichten. Irgendwo dazwischen ist der Mensch, und man hat den Eindruck, daß es sich Medem zur Aufgabe gemacht hat, diese Distanzen mit seiner Einbildungskraft zu füllen: Mond und Sterne, Männer und Frauen, Engel und Dämonen, Schicksal und Zufall, Himmel und Erde werden in Bewegung gebracht, um von einem Mann zwischen zwei Frauen zu erzählen.

          Die Erde, ein fernes Gestirn

          Die eine (Emma Suarez) ist verheiratet mit Patricio (Karra Elejalde), die andere (Silke - das gibt es in Spanien tatsächlich als Künstlernamen) ist dessen Geliebte, die eine ist scheu, die andere liebestoll, die eine liebt er, die andere begehrt er. Dazwischen gibt es eine Wildschweintreibjagd, bei der sich ein Schuß löst, einen Witwer, der seine Frau nicht vergessen kann, eine Zigeunerin, die mit Steinen fatal gut zielen kann, und die weißen Schutzanzüge der Schädlingsbekämpfung, in denen alle aussehen wie Raumfahrer von einem anderen Stern.

          Genau das macht den Zauber von Medems Filmen aus, daß er auf die Erde blickt wie auf ein fernes Gestirn, dessen Naturgesetze nur den Regeln des Herzens zu gehorchen scheinen.

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