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Kino : Protokoll einer Generation: "Die Nacht singt ihre Lieder" von Romuald Karmakar

Kein Film ist bei der jüngsten Berlinale von den Betrachtern so gezaust und von anderen so verteidigt worden wie dieser. „Die Nacht singt ihre Lieder“ versteht sich als Totentanz, als Leichenbegängnis einer gemordeten Liebe, und so hat Romuald Karmakar diese Verfilmung eines Theaterstücks von Jon Fosse auch inszeniert. Gestern beim Festival, heute im Kino. Nun sehe jeder selbst.

          Systeme, die unter großem Innendruck stehen, sind empfindlich gegen Störungen von außen. Auch der deutsche Film ist ein solches System, ein Netzwerk aus eng miteinander verflochtenen Institutionen und Personen, deren gemeinsames Interesse in der größtmöglichen Minimierung jenes Risikos liegt, das bei einer Kinoproduktion unvermeidlich ist. Kein Produzent soll zum Bankrotteur, kein Filmförderer zum Buhmann, kein Regisseur oder Drehbuchautor in Deutschland arbeitlos werden, solange sich alle Beteiligten an die Regeln halten. Und diese Regeln, das wissen die Kritiker wie die Exponenten des Systems genau, gelten desto uneingeschränkter, je weniger sie schriftlich fixiert sind. Richtlinien, Programme und Thesen zur deutschen Filmkultur kann jeder verfassen; die wahren Kenner halten sich an den Konsens.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Diesen Konsens hat Romuald Karmakar mit "Die Nacht singt ihre Lieder" verletzt. Genau genommen verletzt er ihn schon seit zwölf Jahren, seit er mit seinem dreistündigen Dokumentarfilm "Warheads" aus dem schützenden Dunkel der Filmmuseen und Kommunalkinos, die seine frühen Kurzfilme gezeigt hatten, heraustrat. "Warheads" war eine kühle, empörungsfreie, kommentarlose Studie über Söldner und ihr Treiben in den Krisenregionen der Welt, und diese Kühle machte Karmakar den Moralisten der Branche verdächtig, sie warf einen Schatten der Unverläßlichkeit auf sein Tun, noch bevor es sich richtig entfalten konnte. Dann kam "Der Totmacher", mit dem Karmakar sein Talent zum Erzählen monologischer Geschichten auf engstem Raum bewies und für den Götz George beim Filmfestival von Venedig den Darstellerpreis empfing. Aber auch dieser Film schien vielen nicht ganz stubenrein, die Unverblümtheit, mit der der Massenmörder Haarmann vorgeführt wurde, bedenklich, die konsequente Schilderung seines Verhörs nicht kinogerecht. Die Einladung des "Totmachers" zum Festival in Venedig wurde Götz George, der Kassenerfolg dem deutschen Verleih zugeschrieben.

          In "Manila" reagierte Karmakar auf seine Weise, indem er das Verhörzimmer zur Flughafenhalle, den Monolog zur Gruppenseance erweiterte; der Film, der die Zuschauerzahlen des Vorgängers nicht erreichte, blieb sein bisher einziger Ausbruch aus dem Ghetto der Low-Budget-Produktionen. Mit dem "Himmler-Projekt" führte Karmakar dann das "Totmacher"-Prinzip ins Extrem, indem er Manfred Zapatka die berüchtigte Posener Rede des "Reichsführers SS" Wort für Wort und in immer neuen Ansätzen vortragen ließ, in einem dreistündigen, zermürbenden Kampf mit der Kamera wie mit dem Text.

          Es versteht sich, daß jeder dieser Filme Schwierigkeiten bei der Finanzierung hatte, daß Karmakar ein ums andere Mal bescheinigt wurde, sein Projekt sei "nicht geeignet, die Wirtschaftlichkeit des deutschen Films zu stärken", wie die vorschriftsmäßige Ablehnungsfloskel eines Berliner Fördergremiums lautet. Beim Fernsehen, ohne das in Deutschland fast kein Kinovorhaben vom Stapel läuft, durfte der Regisseur ohnehin auf wenig Entgegenkommen rechnen, schließlich sind seine Filme nicht gerade das, was man in den Intendantenbüros für "sendefähig" hält; sie gehören zu den unhappy few, den wenigen, die im Spätprogramm nach einer Abwechslung im immergleichen Bildertrott suchen.

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