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Kino nach Corona : Wie wäre es, wenn keine neuen Filme kämen?

  • -Aktualisiert am

Schätze der Kinematheken (von links oben nach rechts unten): Szenen aus "Opium" (1919), "Paris, Texas" (1984), "Außer Atem" (1960), "Picknick am Valentinstag" (1975), "Insect Woman" (1963) und "The Housemaid" (2010) Bild: Filmmuseum München, Davids, ddp (2), Nikkatsu, Imago

Auszeit vor dem Strom der Aktualitäten: Was würde passieren, wenn das Kino seinen Betrieb nicht wieder aufnehmen würde und wir mit dem Vorhandenen auskommen müssten? Ein Gedankenspiel.

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          Dong-chil, ein junger Koreaner, hat eine Marotte. Beim Gehen schwingt sein linker Fuß immer zur Seite, als wolle er nicht einfach vorankommen, sondern dabei immer auch noch ein bisschen hüpfen und tanzen. Er macht einen halben Chaplin, denn von dessen Figur eines Tramps kommt dieser eigentümliche Schlenker wohl, der aussieht wie eine unwillkürliche Geste, aber wohl ein hochbewusstes Zitat ist. Dong-chil ist die Hauptfigur in dem koreanischen Film „Baboseon-eon“ („Manifest der Narren“, 1983). Man kann diese seltsame Komödie auf Youtube auf dem Kanal „Korean Classic Film“ sehen, auf dem die Staatliche Kinemathek des südostasiatischen Landes eine Vielzahl von Schätzen aus der nationalen Filmgeschichte vorrätig hält, alle mit englischen Untertiteln.

          Auf „Baboseon-eon“ könnte man in dem reichhaltigen Angebot deswegen zuerst stoßen, weil er zu einer Auswahl von sieben Filmen gehört, die Bong Joon-ho getroffen hat. Der derzeitige Superstar des Weltkinos, der mit „Parasite“ den Oscar gewann, macht hier den Kurator und hebt aus einer unübersichtlichen Menge sieben Titel hervor, mit denen man in eine den meisten Menschen eher unbekannte Kinokultur einsteigen könnte. Bei „People in the Slum“ (1982), einem weiteren der sieben Filme, macht schon der Titel neugierig, denn auch „Parasite“ ist eine Slum-Geschichte, in der steriler Reichtum auf anrüchige Armut trifft. Eine Gegenwart, in der es von Südkorea heißt, es habe gegen das Coronavirus bessere Vorkehrungen getroffen als andere Länder, denkt man beim Abstieg in die Slums der Filmgeschichte so selbstverständlich mit wie beim Aufstieg in deren Paläste.

          Es wird noch lange nichts normal sein

          Auch wenn inzwischen überall Schritte zu einer neuen Normalität nach dem „Stillstand“ der vergangenen zwei Monate zu beobachten sind, zeichnet sich für das Kino ab: Es wird noch lange nichts normal sein. Die Unterbrechung bei Produktion und Auswertung ist einschneidend, allerdings hat sich auch gezeigt, dass dort, wo Aufmerksamkeit unvermutet frei wird, sofort neue Angebote entstehen. Streamingdienste haben profitiert, aber auch kleine, findige Verleiher. Und die Kinematheken haben sich gezeigt. Die letzten Wochen waren eine Zeit der Entdeckung alter Schätze, und zwar in einem Maß, das Anreiz gibt zu einem Gedankenspiel: Wie wäre das eigentlich, wenn das Kino seinen Betrieb nicht wiederaufnehmen würde und wir stattdessen mit dem bisher Erreichten das Auslangen finden müssten? Wenn Bong Joon-ho keinen neuen Film mehr machen könnte und wir stattdessen immer tiefer in die koreanische Filmgeschichte eindringen könnten, weil ja nichts Aktuelles nach uns ruft? Wenn wir von, sagen wir, Kelly Reichardt, Kantemir Balagov, Valeska Grisebach oder Mohammad Rasoulof keine neuen Filme mehr bekommen würden, sondern nur Listen mit sieben oder auch siebenundsiebzig Filmen, die uns stattdessen in die Geschichte des Mediums zurückführen?

          Es zählt zu den Grundannahmen unserer modernen Kultur, dass sie offen sei auf Zukunft. Zu dieser Zukunft gehören Katastrophen dazu, und auch Phantasien von zivilisatorischen Rückschlägen. Als Jean-Luc Godard Mitte der achtziger Jahre einen „King Lear“ machen musste, für den er von den israelischen Action-Produzenten Yoram Globus und Menahem Golan schon das Geld kassiert hatte, da dachte er sich eine postapokalyptische Situation aus, in der Shakespeare mehr oder weniger neu erfunden werden musste. Klassikertreue wurde bei Godard zu Notdurft. Die Menschheit kleidete sich in versprengte Zitate wie in die Fetzen einer unwiederbringlich verlorenen Behaustheit. Es waren die Monate nach Tschernobyl, der Weltuntergang hatte also einen konkreten Sitz im Leben. Godard, der Archäologe der Moderne, spielte aber grundsätzlicher mit den Facetten von Vergangenheit und Gegenwärtigkeit.

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