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Kino : Nichts als Ramsch: Gerhard Polts deutsch-römischer Film "Germanikus"

Delenda Cinecitta, wie schon Cato der Jüngere sagte. Wer sich ins römische Schaugewerbegebiet locken läßt, wird alle deutschen Handwerkstugenden vergessen.

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          Delenda Cinecitta, wie schon Cato der Jüngere sagte! Wer sich ins römische Schaugewerbegebiet locken läßt, wird alle deutschen Handwerkstugenden vergessen. Im Jahre 1983 hat Hanns Christian Müller mit Gerhard Polt einen zauberhaft komischen, nämlich wunderbar präzisen Film über einen Barbaren gemacht, der in die große Stadt kommt. Der Held von "Kehraus" ist ein Gabelstaplerfahrer, der in den Palastfluchten der geschäftsmäßig betriebenen Daseinsvorsorge sein Recht erkämpft. Er läßt sich von keinem tückischen Anschlag in seinem Glauben an Treu und Glauben beirren. In der Gesellschaft der Angestellten ist der Hinterwäldler der freie Mann und bestätigt so das Wort Montesquieus über die Germanen, das schöne System der modernen Freiheit sei in den Wäldern gefunden worden.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Dreiundzwanzig Jahre später zieht Polt nun unter Müllers Regie aus dem urbayerischen Wald in die am wenigsten erstaunlichste Stadt des Universums, an den Originalschauplatz sämtlicher Filme über den Niedergang und Fall des römischen Reiches. Leider konnte man den teutonischen Gästen, die die Studiostadt hoffentlich so verlassen haben, wie sie sie vorzufinden wünschten, nur zirka anderthalb Torbögen und einen Circus minimus zur Verfügung stellen; nebenan drehten wahrscheinlich gerade Hape Kerkeling die Zerstörung Karthagos mit Horst Köhler als Cato dem Älteren und Michael Bully Herbig den Sturz Troias mit Frank Kolb als Thersites.

          Deshalb sieht die Welthauptstadt so mickrig aus, daß Moritz Bleibtreus Kaiser Titus Gloriosus besser Titulus Augustulinus heißen sollte. Sein Nachnachfolger Germanikus, der auf unserem Bild neben Rufus Beck als Präfekt den römischen Volksmassen den deutschen Gruß beizubringen scheint, wurde in seiner Heimat naturgemäß Hermann gerufen. Einfach nur jämmerlich sieht Polt mit seiner blonden Perücke aus, ein Bild für die Götter der Unterwelt oder eigentlich erst für die christlichen Teufel, denn ein solches Theater der Grausamkeit war der Antike fremd. Thusnelda heißt Gisela Schneebergers neureiche Neurömerin, die es vom Zuckerpüppchen auf dem Menschenfleischmarkt zur Besitzerin einer Muskelpaketsammlung aus aller Herren Länder gebracht hat. Aber wenn - Gerhard, Gerhard, gib uns deine Pointen wieder - einer der zahlreichen Drehbuchautoren daran gedacht hat, daß Thusnelda die Gattin des Arminius war, wenn ihm gar Pilotys "Thusnelda im Triumphzug des Germanicus" vor Augen gestanden haben sollte, dann hat er daraus jedenfalls nichts gemacht - was charakteristisch ist für die Anspielungschancenauswertung beim Auswärtsspiel dieser Essiggurkentruppe.

          Sauer aufstoßen wird einem jede Einstellung dieses Werkes, das man sich gar nicht unlustig und primitiv genug vorstellen kann. Wer gemeint haben mag, vor dem Vulgären keinen Ekel mehr empfinden zu können, den belehrt diese Kinosesseltortur eines Schlechteren, zu der

          die ausführliche Demonstration des Brandmarkens von Sklaven gehört. Als Schlammschlacht oder besser: so zäh zieht sich's von vornherein, als Schlammscharmützelchen beginnt im germanischen Sumpfing, was man Handlung nur nennen kann, wie lucus von non lucendo kommt: Es handelt sich um nichts. Traurigerweise gehört zu den Sumpfhühnern, die in diesem Sumpf rumsumpfen, auch die ehrwürdige Irm Hermann. Sobald der Troß dann römischen Sandboden unter den Sandalen hat, wird er mit allen Körperflüssigkeiten besudelt. Einen Begriff der Dekadenz unserer Zeit gibt der Umstand, daß dieser Film, in dem die technischen Begriffe für die Dienstleistungen einer Prostituierten liebevoll aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt werden, von sechs Jahren an freigegeben ist. Hoffnung für unsere Geschmackskultur mag man daraus schöpfen, daß im kleinsten Saal des abgelegensten Frankfurter Kinos die Besucher der Abendvorstellung an einer Hand abzuzählen sind.

          Müßig, einem Untergang, von dem nur Investitionsruinen bleiben werden, weitere catonische Topoi hinterherzuwerfen. Bernardus Panis, der Tacitus der römischen Filmkritik, hätte diesem Werklein eine seiner gefürchteten Kurzkritiken gewidmet. Stercus! Zu deutsch: Mist!

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