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Kino : Mit dem kleinen Hackebeilchen: „Kill Bill: Volume 1“

Die unverwechselbare Handschrift dieses Kinos entsteht, anders als bei David Lynch, dessen Filme sich immer wieder zur Unheimlichkeit des Alltags hin öffnen, durch Abdichtung. Die Welt des Quentin Tarantino ist fensterlos, sie kennt nur sich selbst. Das eben macht sie so interessant: Man sieht einem Kopf beim Träumen zu. Das macht sie aber auch so lähmend: Man bleibt in diesem Kopf gefangen. Weil er nie aufwacht, wiederholt er immer dieselben Bewußtseinsinhalte: Kinobilder, Kinodialoge, Bilder und Zeichen der Gewalt. Gewalt muß sein, denn nur in ihrem Vor- und Nacherleben hat Tarantino beim Schreiben und Drehen "fun", Spaß, nur durch sie bleibt er ekstatisch mit seinen Traumbildern verbunden. Darum führt das Motto, das er "Kill Bill" gegeben hat - "Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird" -, in die Irre. Tarantinos Filme sind cool, aber sie kühlen nie ab. Die Grausamkeit, die in ihnen allgegenwärtig ist, kann sowenig historisch werden wie das zerschnittene Auge aus Bunuels "Andalusischen Hund". Insofern ist die endlose Schlachterei in Tokio, die mit Vor- und Nachspiel ein knappes Drittel von "Kill Bill: Volume 1" ausmacht, ein Zeichen der Ermüdung. Der Kinokopf beginnt seine Träume zu klonen, statt zwei oder drei Kämpfern braucht er nun achtundachtzig. So hat ihn der Fluch des Seriellen schließlich doch ereilt.

West-östlicher Würgeengel

Die Mini-Serie, zu der "Kill Bill" sich selbst dekonstruiert hat, wird von zwei Elementen zusammengehalten: einer Figur und einer Liste. Die Figur ist Uma Thurman, die Blondine als Schwertkämpferin, das american girl als west-östlicher Würgeengel. Die Liste umfaßt jene fünf Personen, an denen die auferstandene Braut, deren Name im Film durch einen Piepton unkenntlich gemacht wird, ihre Rache vollziehen will: O-Ren Ishii, Vernita Green, Elle Driver, Budd und Bill. Sie stehen symbolisch für die Kinogenres, bei denen sich Tarantino für "Kill Bill" bedient hat: Samurai-Epen, Martial-Arts-Filme, Spaghettiwestern und Road Movies. Zu sagen, er zitiere sie, wäre stark untertrieben; er schmilzt sie ein. Den Kung-fu-Filmveteranen Sonny Chiba macht er zum japanischen Schwertschmied, das Duell der Kickboxerinnen verlegt er aus Hongkong nach Pasadena. Nur in Kleinigkeiten ist "Kill Bill" akribisch. Der gelbe Overall, den Uma Thurman auf ihrem Rachefeldzug trägt, stammt aus Bruce Lees letztem Film "Game of Death", und die Dialoge klingen so hölzern wie nur je die englischen Untertitel eines kantonesischen Kassenbrüllers. "Ich wünsche nicht, dich vor den Augen deiner Tochter zu töten." Recht wohlgesprochen, fürwahr.

Aus diesem Widerstreit zwischen Verehrung und Zerstörung bezieht "Kill Bill: Volume 1" seine visuelle Energie. Die Story selbst, ein Katalog ineinander geschachtelter Rückblenden, die den Weg der namenlosen Braut von Amerika nach Japan und von der Bluthochzeit über die Komapatientenstation ins Sushi-Restaurant nachzeichnen, ist nur ein Rahmen für Tarantinos Ikonenmalerei der Gewalt. Das Duell zwischen der Heldin und ihrer japanischen Widersacherin O-Ren Ishii (Lucy Liu) steht deshalb am Ende des Films, obwohl es der Anfangsszene in Kalifornien zeitlich vorausgeht. Doch der Schnee in Tokio läßt das Blut einfach schöner leuchten. Der Zweikampf endet damit, daß ein schwarzes Etwas in den Schnee rollt, ein abgeschlagener Kopf, wie man zunächst meint. Aber es ist nur die Schädeldecke O-Ren Ishiis, die das Schwert der Braut säuberlich abgetrennt hat. Diese Kopfgeburt eines musealen Schockers gipfelt buchstäblich darin, daß man in ein freiliegendes Gehirn blickt.

Das Rätsel Tarantino ist keines mehr, wenn man es von den Bildern her betrachtet, mit denen er aufgewachsen ist. Hier versucht einer dem Sog der Filmindustrie zu widerstehen, indem er ihre ausgemusterten Genres vergötzt. Aus dem Abgesunkenen, den B- und C-Filmen erledigter Produktreihen, will er das neue Kino schmieden. Aber diese Filmbilder geben keine Geschichte her, weil sie keine haben. Die einzige Story, die Tarantinos Kino in Wahrheit erzählt, ist die Geschichte seines Geschmacks. Wie ein postmoderner Schriftsteller seine Lesefrüchte vermarktet Tarantino seine Seherlebnisse. So ist er selbst zum Objekt eines inhaltslosen Kults geworden. Was "tarantinoesk" ist, weiß heute im Kino fast jeder, wofür aber Tarantino einsteht, kann keiner sagen, auch er selbst nicht. Das Markenzeichen, zu dem er geworden ist, braucht keine Botschaft: Es ist die Botschaft. Die Zuschauer haben sie vernommen. In der Startwoche hat "Kill Bill: Volume 1" in Amerika bereits die Hälfte seines Budgets wieder eingespielt. Quentin Tarantino wird also weiter aus Filmen Filme machen können. Die Industrie der Träume braucht Künstler wie ihn, weil sie ihr helfen, den Schrei zu ersticken, der unter den Traumbildern begraben liegt.

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