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Kino : Maigret lebt hier nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Der Polizeifilm droht immer wieder aus der Mode zu kommen. In Frankreich aber gibt es immer wieder Versuche, das Genre wiederzubeleben: So auch in Xaver Beauvois' „Eine fatale Entscheidung“ mit Nathalie Baye.

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          Der Polizeifilm droht immer wieder aus der Mode zu kommen. In den Vereinigten Staaten fehlen ihm als Subgenre die Schauwerte, bei uns interessiert sich ohnehin nur Dominik Graf dafür, und in Frankreich ist er auch nicht mehr so erfolgreich wie früher. Aber wenigstens gibt es dort immer wieder Versuche, das Genre wiederzubeleben, sei es „Police“ von Maurice Pialat, „La balance“ von Bob Swaim, „L.627“ von Bertrand Tavernier oder zuletzt „36, quai des Orfevres“, der trotz des Star-Duos Gerard Depardieu und Daniel Auteuil bei uns nur auf DVD erschienen ist. Daß man die Erfolgsaussichten dieses Genres hierzulande eher gering einschätzt, sieht man schon daran, daß „Le Petit Lieutenant“ unter dem Titel „Eine fatale Entscheidung“ gestartet wird, der eher zu einem Ehedrama paßt und jedenfalls alle Erinnerung an polizeiliche Hierarchien verwischt.

          Es geht um einen jungen Abgänger (Jail Lespert) von der Polizeischule, der sich aus der Normandie nach Paris versetzen läßt, obwohl seine junge Frau nicht mit ihm geht. Seine Vorstellungen von diesem Beruf, die sich natürlich aus dem Kino speisen, lassen sich in der Provinz einfach nicht realisieren. Denn er träumt vom aufregenden Leben im Großstadtrevier und von spektakulären Fällen, auch wenn ihn seine Vorgesetzte (Nathalie Baye) bald aufklärt, daß auch sie in ihrer Karriere höchstens zwei oder drei erlebt hat. Der Rest ist auch in Paris ziemlich gleichförmiger Revieralltag: Betrunkene in Ausnüchterungszellen stecken, einen Obdachlosen aus der Seine fischen, Hoteladressen abklappern, stumme Zeugen verhören. Daß der Teufel dabei im Detail steckt und gerade in der Routine die entscheidenden Fehler gemacht werden können, ahnt der junge Mann noch nicht. Für den Anfang findet er es aufregend genug, wenn er das erste Mal mit Blaulicht durch die Straßen jagen und andere Autos nach Belieben verscheuchen darf. Seine Zimmerwirtin hingegen träumt von den guten alten Zeiten eines Kommissar Maigret, als Polizisten noch ohne militärische Ränge auskamen.

          Nur das geduldige Beobachten

          Der Regisseur Xavier Beauvois hat für seinen Film zwei Jahre bei der Polizei recherchiert und weiß deshalb, wieviel Routine bedeutet - und daß das Genre kein Ort für inszenatorische Mätzchen ist. Keine Fahrten, keine extremen Perspektiven, nur das geduldige Beobachten von Abläufen und ein Blick für die Bewegungen im Raum. Einmal geht Antoine nachts im Revier von Raum zu Raum, öffnet die Türen, macht den Lichtschalter an, späht hinein und läuft den dunklen Gang weiter. Die Szene erzählt nichts weiter Aufregendes, im Grunde dient sie einfach nur dem Raumgefühl. Und sie vermittelt etwas von der Aufgeregtheit des jungen Leutnants, der vielleicht nur das Bewußtsein genießt, allein in einem Pariser Revier nach Belieben Türen öffnen zu dürfen.

          Als Antoine bei seiner Ankunft durchs Büro geführt und jedem einzeln vorgestellt wird, schüttelt er automatisch allerlei Hände, auch die eines Mannes, der gerade verhört wird, was er aber gar nicht merkt, weil der Mann genausogut ein Polizist sein könnte. Das ist immer wieder das Thema in Polizeifilmen: der unsichtbare Verlauf der Trennlinie zwischen der Polizei und der Gesellschaft, die Notwendigkeit, sich einerseits abzugrenzen und andererseits unauffällig zu sein. Einmal steht der Leutnant mit der Kommissarin an einem Kanal und raucht einen Joint. Da kommt ein junger Mann vorbei und fragt, ob er auch mal ziehen dürfe. Hinterher bedankt er sich und warnt die beiden, in der Gegend wimmele es von Bullen. Die beiden grinsen sich daraufhin an. Das Ganze ist natürlich nicht nur ein Witz, sondern eine Bestätigung dafür, daß es ihnen gelingt, unerkannt ins Milieu einzutauchen.

          Veteran und Reaktionär

          Beauvois verzichtet nicht auf die genretypischen Charakterisierungen, aber er reitet nicht darauf herum. In ihnen bildet sich die Gesellschaft im Kleinen nochmals ab. Es gibt den Marokkaner, der kein Hehl daraus macht, daß er doppelt so gut sein mußte wie die anderen; den Reaktionär, der von den anderen als Faschist verhöhnt wird; den Veteranen, der Dienst nach Vorschrift machen will und mault, wenn er mit aufwendigen Routinesachen betraut wird.

          Die Vorgesetzte wiederum ist eine Frau, die nach dem Tod ihres Sohnes dem Alkohol verfallen war und nach zwei Jahren Entzug wieder in den Job zurückkehrt. Sie nennt den Jungen liebevoll „Petit Lieutenant“, auch weil sie in ihm sieht, was aus ihrem Sohn hätte werden können. Nathalie Baye hat die Ruhe und Übersicht einer Spielmacherin, aber sie weiß auch, daß sie über einem Abgrund wandelt. Erstaunlich genug, daß Beauvois ursprünglich einen Mann für die Rolle wollte (siehe auch: Die Schauspielerin Nathalie Baye im Interview). Aber Nathalie Baye wurde mit einem Cesar belohnt, weil sie der ungeschminkten Wahrheit Ausdruck verliehen hat, daß Routine nicht vor Überraschungen schützt.

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