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Kino : Kontrollfreak mit neuer Formel

  • -Aktualisiert am

Im Leben dreht sich alles im Kreis: Lars von Triers „The Boss of It All” Bild: Festival San Sebastian

Lars von Trier ist der bekannteste Kontrollfreak des Kinos. Aber er ist auch bekennender Masochist und liebt es, beim Filmemachen die Kontrolle zu verlieren. Seinen neuesten Film, „The Boss of It All“ hat er mit Hilfe eines Zufallsgenerators gedreht.

          Lars von Trier ist der bekannteste Kontrollfreak des Kinos, aber der dänische Regisseur ist auch bekennender Masochist. Und darum liebt er beim Filmemachen nichts mehr, als immer wieder die Kontrolle zu verlieren. In seinem neuesten Film, „The Boss of It All“, der gerade in San Sebastián Premiere hatte, setzt Trier dafür sogar einen Zufallsgenerator ein.

          „Automavision“ heißt das einfache, selbstentwickelte Verfahren, mit dem der Film gedreht ist: Nachdem Kamera, Licht und Ton auf herkömmliche Weise gesetzt wurden, werden sie vom Computer nach dem Zufallsprinzip wieder verschoben. Bewußt wird also die Perfektion gestört, das Kino kaputt gemacht - um es neu zu beleben.

          Ein großer Bluff

          Auf der Leinwand wundert man sich manchmal über eine merkwürdige Einstellung oder über einen plötzlichen Bildsprung, aber sonst sieht „The Boss of It All“ eigentlich aus wie viele mit Handkamera gedrehte dänische Filme. „Automavision“ ist bestimmt nicht die Neuerfindung des Kinos oder ein neues „Dogma“, sondern eher nur ein großer Bluff, vor allem aber eine besondere Form von Selbstmotivation. Das Filmemachen ist für Trier von jeher auch Therapie, bei der vor allem sich selbst immer wieder unter Hochdruck setzt.

          Im Frühjahr ist Trier fünfzig geworden, ungefähr zur gleichen Zeit hatte er sich von seiner langjährigen Produzentin getrennt und ein „Statement zur Wiederbelebung“ veröffentlicht. Darin klagt er über „die Bürde der Gewohnheiten und Erwartungen“ und kündigt eine Auszeit an. Man müsse sich von Routinen befreien, und „ganz anders“ Filme machen. Darum werde auch „Washington“ - nach „Dogville“ und „Mandalay“ der Abschlußfilm seiner Amerika-Trilogie - vorerst auf Eis gelegt.

          Eine Art Feelgood-Movie

          Das Resultat dieser Richtungsänderung ist schon deswegen überraschend, weil „The Boss of It All“ auf seine Art ein Feelgood-Movie geworden ist. Im Stil einer Screwball-Comedy, witzig, schnell und überdreht, entfaltet der Film seine bizarre, aber gar nicht mal so unrealistische Geschichte aus dem Innenleben einer IT-Firma: Deren Chef hat einen imaginären Oberboss erfunden, den er in unangenehmen Fällen vorschieben kann. Doch weildie Angestellten und ein potentieller Käufer den Boss persönlich kennenlernen wollen, wird ein Schauspieler angeheuert, der ihn verkörpern soll. Dabei meldet sich Trier immer wieder mal selbst aus dem Off zu Wort, macht Scherze über Schauspieler, oder wendet sich direkt an den Zuschauer: „Ich weiß, das hab ich jetzt schlecht erzählt.“

          Natürlich geht es bei diesem spannenden Szenario aus der modernen Arbeitswelt auch um bekannte Themen von Triers: ums Verhältnis von Sein und Schein, um die Mechanismen der Macht und damit um eine Reflexion des Filmemachens selbst. Zudem ist dies aber auch ein cleverer Kommentar des gläubigen Katholiken zur Rolle des Religiösen. Denn auch Gott ist ja vielleicht auch nur ein imaginärer Ober-Boss, eine Erfindung von Menschen, um besser über andere herrschen zu können.

          Nichts anderes tut auch der Regisseur in seinem neuen Film: „Jeder kreative Prozeß braucht Regeln und Grenzen“ erklärte er bei einer Videopressekonferenz in San Sebastián, zu der der unter einer Reisephobie leidende Regisseur zugeschaltet war. „Genau das war damals auch der Sinn der Dogma-Regeln. Denn Regeln fordern heraus.“ Ein weiteres Mal hat sich Lars von Trier nun also selbst erfunden - weiterhin bleibt er der Boss des Autorenkinos.

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