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Kino : Kolonialismus light: „Die weiße Massai“

Der weiße Blick: Nina Hoss in „Die weiße Massai” Bild: Constantin Film, München

Ein deutscher Versuch, „Jenseits von Afrika“ im Kleinmaßstab nachzubauen: Als „Die weiße Massai“ spielt Nina Hoss eine Frau, die einen Kenianer heiratet und vier Jahre mit ihm in den Dörfern seines Stammes im Busch verbringt.

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          In der Eingeborenenkunst, ganz gleich, aus welchem Winkel der Erde sie stammt, gibt es keine Landschaftsmalerei. Es gibt Bäume, Tiere, Hütten, Menschen, zahllose Details, aber kein Panorama. Der Panoramablick ist eine europäische Erfindung. Er entstand am Ausgang des Mittelalters, als die Umgebung der Städte aufhörte, Wildnis zu sein. Der Maler gliederte sie vor dem Auge des Betrachters, das über dem Ganzen des Bildes die Einzelheiten vergaß.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bis in die Naturfotografie und ins Kino hinein setzt sich diese Zweiteilung fort. Was sich überblicken läßt, ist Landschaft, was in Details zerfällt, Natur. In afrikanischen Filmen fühlt sich der westliche Zuschauer oft ortlos, eingesperrt, ohne Orientierung, während in „Hatari!“ von Howard Hawks die Schönheit der Savanne alle Fisimatenten der Handlung überstrahlt. Daß die Landschaft schön sei, ist seit je eine Behauptung ihrer Kolonisatoren. Die reichen Engländer in Italien, die Europäer in Afrika haben das Land ins Korsett ihrer Blicke gepreßt. Was der kolonialistischen Wahrnehmung widersteht, ist einzig das Gewusel der Slums und Straßen, die herrschaftsfreie Häßlichkeit des Lebens.

          Der Blick der Europäer

          In Hermine Huntgeburths Film „Die weiße Massai“ gibt es eine Einstellung, die beispielhaft den Blick der Europäer auf die afrikanische Wirklichkeit wiedergibt. Da steht Lemalian (Jacky Ido), der Massai-Ehemann der Heldin, auf einem Hügel vor einem Hochplateau und schaut hinaus ins Land. Weit dehnt sich die Ebene zu seinen Füßen. Seine halbnackte Gestalt wirkt riesenhaft in dem Rahmen, den das Bild ihm setzt, und zugleich unfrei, wie eingesperrt. Eine Kinostunde lang kennen wir Lemalian bereits, aber in diesem Augenblick erst rastet seine Geschichte ein in ihr Klischee. „Massai-Krieger vor Berglandschaft“, das ist ein Topos, ein vertrautes Bild. Geschaffen hat es nicht der unparteiische Geist der filmischen Erzählung, sondern der parteiische Blick, der sie beherrscht. Der Blick der weißen Massai.

          Die Schönheit der Savanne

          „Die weiße Massai“ ist die Geschichte einer Frau (Nina Hoss), die einen Kenianer heiratet und vier Jahre mit ihm in den Dörfern seines Stammes im Busch verbringt. Der vor fünf Jahren erschienene gleichnamige Erlebnisbericht der Schweizerin Corinne Hofmann, die im Film Carola heißt, wurde millionenfach verkauft, ein Nachfolgebuch erschien 2004, der dritte Band, gerade veröffentlicht, enthält bereits die Geschichte der Dreharbeiten. Ein „Filmbuch“ ist in Vorbereitung.

          Verschämt ethnographisch

          Buch und Film, Regisseurin und Autorin werden als zwei Seiten einer Medaille verkauft, die den Goldgehalt des Authentischen besitzt. „Die spielen einen an die Wand, weil sie so echt sind“, hat Nina Hoss über die Laiendarsteller des Samburu-Stamms erklärt. Ihr eigenes Spiel verrät immerhin momentweise etwas von der Verunsicherung, die eine Schauspielerin aus Deutschland unter den Bewohnern der Wildnis empfindet, eine instinktive Form des Respekts, die dem Film ansonsten völllig abgeht. „Die weiße Massai“ ist so verschämt ethnographisch und so schamlos irreal wie nur je ein Hollywoodfilm über Afrika, nur daß ihm das wichtigste Kunstmittel Hollywoods fehlt: das Geld.

          Sieben Millionen Euro hat der Film gekostet, eine für deutsche Verhältnisse gewaltige, im internationalen Vergleich läppische Summe. Dafür konnte die Regisseurin Hermine Huntgeburth („Bibi Blocksberg“) keine Berge versetzen, sondern nur ein mittleres Hüttendorf bauen lassen, aber selbst dessen Topographie bleibt in der „Weißen Massai“ so rätselhaft wie der Bauplan des Todessterns in den „Star Wars“-Filmen. Statt aufs Zeigen verlegt sich Huntgeburth aufs Argumentieren, indem sie alle wichtigen Wendungen der Geschichte mit einer Erzählerstimme unterlegt, die den Bildern die selbsterlebten Phrasen der Buchvorlage aufbindet.

          Keine Überwältigung zum Discountpreis

          Als Carola ihren Massai zum ersten Mal sieht, spricht die Stimme vom „Blitzschlag“, die Kamera fährt auf Lemalian zu, und man wartet darauf, daß etwas geschieht. Aber es passiert den ganzen Film hindurch nicht. Die Energie, die den Blitz erzeugen könnte, wird in den Hüttenboden abgeleitet. Das epische Überwältigungskino, das Sydney Pollack in „Jenseits von Afrika“ zu später Blüte trieb, hat Hermine Huntgeburth im Kleinmaßstab nachzubauen versucht, ohne zu bedenken, daß es Überwältigung zum Discountpreis nicht gibt.

          Vor drei Jahren hat Caroline Link mit einem Afrikafilm einen Auslands-Oscar gewonnen. Auch „Nirgendwo in Afrika“ war nicht frei von Postkartenbildern, aber er machte seine Blindheit zum Thema und gewann ihr dadurch eine gewisse ästhetische Wahrhaftigkeit ab. Huntgeburths Film tut dagegen so, als könne er den Massai mit Hilfe von Corinne-Carola tatsächlich nahekommen. Deshalb wirken seine Stereotypen noch verlogener als die seiner Vorgänger. „Die weiße Massai“ ist Kolonialismus light: Was an den klassischen Filmen über Afrika süß und klebrig war, ist hier durch Saccharin ersetzt. Der Geschmack der Geschichte wird dadurch nicht besser.

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