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Chinas Kino trifft Hollywood : Weltbewusstseinsindustrie

  • -Aktualisiert am

Seit 2002 ist Chinas Filmindustrie marktwirtschaftlich organisiert. Ihr Wachstum scheint nur durch die geringe Anzahl Kinos begrenzt. Aber die Schnittmenge mit Hollywood wird größer.

          Beim Filmfestival in Schanghai kam es zum Eklat. Es hatte ein Gipfeltreffen von China und Hollywood sein sollen, das die immer engeren Verflechtungen zwischen den Mächten beschwört und feiert: Harvey Weinstein, der Gründer von Miramax und immer noch ein wichtiger Mann in Hollywood, stellte seinen zusammen mit der chinesischen Firma Huayi Brothers produzierten Film „Shanghai“ mit Gong Li und John Cusack vor und rühmte Filme wie Zhang Yimous „Hero“ und Ang Lees „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ als Beispiele einer global reüssierenden Synthese zwischen den Welten.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Danach musste er schon abreisen, und so hörte er Feng Xiaogang, einen der erfolgreichsten Regisseure innerhalb Chinas, nicht mehr sagen, viele seiner chinesischen Kollegen hielten ihn, Weinstein, für einen „Betrüger“. Er verspreche zuerst hohe Summen für die Rechte an chinesischen Filmen, um schließlich, wenn die Produktion abgeschlossen ist, die chinesischen Beteiligten zu zwingen, sich mit weit geringeren Beträgen zufriedenzugeben, wenn sie ihren Film auch tatsächlich international vertrieben sehen wollten.

          Fengs Wut war nicht nur persönlicher, sondern grundsätzlicher Art. Er forderte die chinesischen Regisseure dazu auf, sich auf ihr lokales Publikum zu konzentrieren, statt sich mit Hollywood-Ambitionen gleich der ganzen Welt verständlich machen zu wollen. Woody Allen habe sich auch nicht überlegt, ob sein New Yorker Witz wohl von den Chinesen verstanden würde, und trotzdem oder gerade deswegen werde er auch heute noch in China sehr geliebt. Die von Weinstein als Vorbilder hingestellten Produktionen bezeichnete Feng hingegen als bloße „Hollywood-Filme“.

          Schwergewicht aus Hollywood: der Produzent Harvey Weinstein

          Universalismus à la Hollywood

          Dem Regisseur ging es offensichtlich weniger um die amerikanische Filmindustrie als um das chinesische Phantasma. Tatsächlich hat die Obsession des Landes mit Hollywood tiefreichende Wurzeln, und sie geht auch weit über rein ökonomischen Ehrgeiz hinaus. Der amerikanische Kommunist Sidney Rittenberg erzählt in seiner Autobiographie, wie die Parteirevolutionäre um Mao und Tschou En-lai schon in den vierziger Jahren, also noch vor der Machtübernahme, jeden Freitagabend Pause machten vom Bürgerkrieg um China und sich in ihrem Hauptquartier in Yanan einen Hollywood-Film anschauten, vorzugsweise mit Laurel and Hardy. Anschließend erkundigten sie sich bei Rittenberg noch gern nach Automarken und anderen Details des amerikanischen Lebens. Die Faszination war um so auffallender, als sie in einem markanten Kontrast zum Desinteresse an dem offiziellen Vorbild Sowjetunion stand. Selbst die „progressiven Filme“, die unter kommunistischem Einfluss seit Ende der dreißiger Jahre in China entstanden, reicherten das Revolutionskino sowjetischer Art mit Hollywood-Ästhetik an.

          Es dauerte freilich bis ins neue Jahrtausend, bis die einschlägige Begeisterung der chinesischen Kommunisten zu sich selbst kommen und offen bekannt werden konnte. Die institutionellen Voraussetzungen schuf China 2002, als die bis dahin rein staatliche Planung der Filmstudios durch marktwirtschaftliche Strukturen ersetzt wurde. Ästhetisch hatte schon ein Jahr zuvor der Taiwaner Ang Lee ein Vorbild geliefert; mit seinem Kung-Fu-Drama „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ eroberte er den amerikanischen Markt und zugleich einen Oscar. Die Zeit schien reif dafür zu sein, dass Chinesen den lange Zeit in amerikanischer und britisch besetzter Hongkong-Hand befindlichen Martial-Arts-Film für sich zurückeroberten.

          Mit dem gewachsenen wirtschaftlichen Erfolg nahm zur gleichen Zeit das Verlangen Pekings zu, seiner neuen Bedeutung auch einen kulturellen Ausdruck zu geben. Als Kennzeichen einer Weltmacht entdeckten die Strategen nun auch die Fähigkeit, aus eigenen Ressourcen eine Kultur hervorzubringen, die von der gesamten Welt als die ihre akzeptiert wird - eine Kultur, die sich in den gleichen Kanälen über den Erdball verbreitet wie der Markt, um am Ende mit diesem eins zu werden. Als Urbild einer solchen Kapazität erschien die amerikanische Bewusstseinsindustrie, weshalb China, wenn von „Universalität“ die Rede ist, womöglich weniger an Menschenrechte denkt als an Hollywood.

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