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Kino : Im Kino: Gus Van Sants "Elephant"

Szene aus Gus Van Sants „Elephant” Bild: AP

Was in der Columbine High School geschah, ist nicht zu fassen, und auch der Film faßt es nicht. Wo das Moralkino die Blutbäder nach- und ausstellt, um sie in eine Rhetorik von Verbrechen und Strafe einzupassen, beharrt Gus Van Sant auf der Unvergleichbarkeit des Ereignisses, das er zeigt.

          4 Min.

          Ein zentraler Aspekt dieses Films enthüllt sich erst im Abspann. Alex, heißt es da, wurde von Alex Frost gespielt, Eric von Eric Deulen, Carrie von Carrie Finklea, Jordan von Jordan Taylor. Es sind also keine Schauspieler, die wir gesehen haben, sondern Amateure: Schüler. Siebzehn- und achtzehnjährige Schüler erzählen in Gus Van Sants "Elephant" eine Schülergeschichte, küssen und beobachten und unterhalten sich und schießen vor der Kamera mit Armeegewehren aufeinander, zum Gedenken an andere Siebzehn- und Achtzehnjährige, die vor fünf Jahren bei einem Massaker ihr Leben verloren.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Am 20. April 1999 betraten zwei Teenager, Dylan Klebold und Eric Harris, die Columbine High School in Littleton, Colorado, einem Vorort von Denver. Sie hatten Gewehre, Messer und selbstgebastelte Bomben in verschiedenen Größen dabei. Innerhalb einer Stunde töteten sie zwölf Schüler und einen Lehrer und verletzten Dutzende, bevor sie sich selbst erschossen. Ihr ursprünglicher Plan, der an fehlerhaften Bombenzündern scheiterte, hätte hunderte von Todesopfern gefordert.

          Littleton war das Menetekel einer amerikanischen weißen Mittelschicht, die für ihr Recht, Waffen zu tragen, ebenso auf die Straße geht wie für die Ruhe in den Schulhöfen. In seinem Essayfilm "Bowling for Columbine" hat Michael Moore die Widersprüche dieser Selbstschutzmentalität polemisch ausgekostet. Gus Van Sant, seit zwanzig Jahren ein beinahe liebevoller Chronist amerikanischer Abstiegsängste ("My Own Private Idaho") und Aufstiegsphantasien ("Good Will Hunting"), hatte keine Lust, es ihm gleichzutun. Er wollte das Highschoolmassaker nicht als Beweismittel für eine These gebrauchen, sondern ins Herz der Sache selbst vordringen, ihre Grausamkeit wie ihre Unvermeidlichkeit.

          Der Titel seines Films, hat Van Sant zu "Elephant" erklärt, gehe auf die buddhistische Legende von den Blinden zurück, die einen Elefanten untersuchen. Darin bestimme jeder das Wesen des Tieres nach dem Körperteil, das er zufällig ertasten könne: Jener, der vorn am Rüssel stehe, nenne es eine Schlange, ein anderer, der einen Fuß erwischt habe, einen Baum, ein dritter, den Stoßzahn befühlend, einen Speer und so fort. Van Sant erzählt die Geschichte nicht, weil er glaubt, das Wesen seines Elefanten durchschaut zu haben, sondern weil er daran erinnern will, daß die Zuschauer eines Amoklaufs immer in der Haut der Blinden stecken werden. Sie mögen an dem Furchtbaren herumtasten, wie sie wollen, Gesetze ändern, Schulschränke durchsuchen, Eingangskontrollen einführen; der Kern des Geschehens, sein Geheimnis, bleibt ihnen doch für immer verschlossen. "Elephant" ist der erste amerikanische Film seit langem, der auf die Fragen, die er stellt, keine dramaturgischen Antworten gibt - nicht, weil er keine wüßte, sondern weil es so viele gibt, psychologische, soziale, historische, von denen jede einzelne richtig ist, solange sie angedeutet, und falsch, sobald sie ausgesprochen wird. Deshalb ist in "Elephant" nichts explizit, selbst die Bluttat nicht. Die Puzzleteile sind da, doch das Bild muß sich jeder selbst legen, auf die Gefahr hin, den Elefanten für einen Baum zu halten.

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