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Kino : Heldin: Vanessa Redgrave wird siebzig

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Vielfach ist sie als die größte lebende Schauspielerin des englischsprachigen Theaters gerühmt worden. Doch auch im Kino und auf der politischen Bühne liefert sie markante Auftritte: zum Siebzigsten von Vanessa Redgrave.

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          Vanessa Redgrave stand noch ganz am Anfang ihrer Karriere, als ihr der Regisseur bei den Proben für „Wie es euch gefällt“ vorwarf, sie halte sich zurück. Mit einem Schlag sei „jede geistige Kontrolle und Berechnung verschwunden“. Sie habe sich Rosalindes Leben hergegeben, den Augen Orlandos, dem Wald von Arden. Diese Wachheit und Direktheit sei ihr als Schauspielerin bis heute geblieben, berichtet sie in ihren Erinnerungen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Vanessa Redgrave war damals vierundzwanzig Jahre alt. In dieser Hosenrolle eroberte sie das Publikum im Sturm als „vollkommene Rosalinde“. Am Tag ihrer Geburt trat ihr Vater Michael Redgrave mit Laurence Olivier im „Hamlet“ auf. Am Ende der Vorstellung trat Olivier vor das Publikum und verkündtet, dass Laertes eine Tochter bekommen habe, eine große Schauspielerin sei zur Welt gekommen. 1961 war die Prophezeiung in Erfüllung gegangen.

          Durch die Haut in die Gefühle blicken

          Seitdem ist sie vielfach, unter anderen von Tennessee Williams, als die größte lebende Schauspielerin des englischsprachigen Theaters gerühmt worden. Im Theater, im Film und auf der politischen Bühne, wo sie sich schon seit Jugendtagen als Aktivistin engagiert, sind leidenschaftlicher Ernst und ernste Leidenschaft die herausstechenden Merkmale Vanessa Redgraves. Sie scheut kein Risiko, auch wenn sie mal danebengreift, wie unlängst als die rachsüchtig zornende Hekuba von Euripides. Nach dem Besuch einer Aufführung von Ibsens „Frau vom Meer“ Ende der siebziger Jahre beschrieb der Regisseur Sir Peter Hall das Gesicht der Ellida, das die Redgrave ihr verlieh: „Man konnte direkt durch die Haut in die Gefühle blicken, in die Gedanken, die Hoffnungen, die Ängste“, und fragte sich, wie es sein könne, dass jemand, der abseits der Bühne Lügen zur Wahrheit erkläre, wenn sie ihre Ideologie unterstützten, als Künstlerin derart aufrichtig wirken könne. „Im wahren Leben ist sie falsch, in der Kunst, die unecht ist, ist sie wahr.“

          Mit John Travolta bei der Oscar-Verleihung 1978. Redgrave gewann für die beste Nebenrolle in „Julia” Bilderstrecke

          Ob sie als Trotzkistin für die Sache der Palästinenser wirbt oder für die Tschetschenen eintritt, ob sie gegen den Faschismus wettert und gegen das Unrecht in der Welt überhaupt, ob sie das Auschwitz-Opfer Fania Fénelon, die oskarprämierte „Julia“ oder, wie in dem Psychothriller „Wetherby“, eine Lehrerin spielt, deren tiefe Gefühle allmählich an die Oberfläche dringen - immer strahlt sie die Aura der schweren Heldin aus. Von der rätselhaften Kessheit, die sie einst in Antonionis „Blow Up“ und als Rosalinde an den Tag legte, ist nichts geblieben. Wie die pathetische Tänzerin Isadora Duncan, die sie in der Filmbiographie von Karel Reisz darstellte, scheint Vanessa Redgrave stets zu rufen: „Ich trachte nicht nach dem Glück, sondern nach dem Schicksal“ - auch heute, an ihrem siebzigsten Geburtstag.

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