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Kino : Heimkehr der Jäger

Das Großwild ist erlegt! In München ging die Weltpremiere der Literaturverfilmung „Das Parfum“ über die Bühne. Warum Bernd Eichinger sich wie ein Jäger fühlt und Karoline Herfurth die Entdeckung dieses Films ist.

          Viele hundert Augenpaare suchen an diesem Abend einen unauffälligen Mann mit Wollmütze und scheuem Blick. So, heißt es, solle der Schriftsteller Patrick Süskind aussehen, wenn er sich unters Volk mische, und heute ist doch Süskinds großer Tag: sein „Parfum“ ein Film! Aber Süskind kommt nicht, auch Joachim Król, der ihn in Helmut Dietls Rossini so wunderbar verkörpert hat, ist nicht da. Der Autor hat zu seinem Roman das letzte Wort gesagt, als er die Filmrechte vor fünf Jahren zum Verkauf freigab. Was heute hier gezeigt wird, gehört nicht ihm, es gehört dem Produzenten Bernd Eichinger.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der rote Teppich vor dem Mathäser Filmpalast ist hundert Meter lang. Zuerst kommt der Hauptdarsteller, der fünfundzwanzigjährige Ben Whishaw, ein schlaksiger, schüchterner großer Junge, der entgegen der Legende schon in fünfzehn Kino- und Fernsehfilmen mitgespielt hat. Dann Alan Rickman, der Widersacher des mädchenmordenden Helden im „Parfum“; er nennt Tom Tykwer, mit dem er seit „Lola rennt“ unbedingt habe drehen wollen (die Erschütterung dieses Films wirkt in Hollywood immer noch nach), einen „echten Schauspielerregisseur“, ein Standardkompliment, das ausnahmsweise ehrlich klingt.

          Freiwild und die deutsche Literatur

          Danach kommen die Haupt- und Nebendarstellerinnen, Rachel Hurd-Wood, Karoline Herfurth, Jessica Schwarz - „die muß sich im Film ausziehen“, sagt eine Frauenstimme in der Menge -, schließlich Tom Tykwer, der entspannter aussieht, als es das Fünfzig-Millionen-Euro-Budget des „Parfum“ erwarten läßt. Zwei Fünftel der Summe muß der Film noch einspielen, der Rest ist durch Vorverkäufe gedeckt. Aber Tykwer wirkt, als hätte er den Erfolg schon hinter sich. Was immer jetzt passiert, er hat eine internationale Großproduktion gestemmt, er spielt in der Liga von Anthony Minghella und Jean-Jacques Annaud.

          Freuen sich über das gelungene Projekt: Tom Tykwer (l.) und Bernd Eichinger

          Eichinger kommt zuletzt. Überall am roten Teppichrand gibt er Interviews, vier-, fünfmal hat er schon alles gesagt, als der Fernsehreporter ihn fragt, wie er es geschafft habe, fünfzehn Jahre auf die Rechte am „Parfum“ zu warten. Da sagt er den Satz des Abends: „Das ist die Geduld des Jägers.“ Wenn es etwas gibt, das Eichinger zum erfolgreichsten deutschen Filmproduzenten der Nachkriegszeit gemacht hat, dann ist es dieser Jagdinstinkt, der bei allen anderen irgendwann versagt. „Das Parfum“ war der Sechzehnender im Wald der deutschsprachigen Literatur, und Eichinger und Tykwer haben ihn erlegt und nach allen Regeln der Kunst präpariert. Hier, in München, zeigen sie das Fell der Bestie.

          Von der Kamera vergöttert

          Zweieinhalb Stunden später, während die Abspanntitel laufen, ist klar, daß neben Ben Whishaw nicht Rachel Hurd-Wood, sondern das „Mirabellenmädchen“ Karoline Herfurth die Entdeckung dieses Films ist. Frank Griebes Kamera vergöttert sie, und Grenouille, der Held, träumt von ihr noch auf dem Richtplatz, am Ende der Geschichte, im Augenblick seines Triumphs. Als Herfurth nach der Vorführung mit den anderen Darstellern auf der Bühne steht, spielt sie keine Nebenrolle mehr. Auch sie ist in eine andere Liga aufgestiegen, in den Bildern steht es geschrieben.

          Das Publikum im Kino 6 applaudiert nicht „jubelnd“, wie die Morgenzeitungen schreiben werden, sondern freundlich, respektvoll. Man bestaunt vor allem das Produktionsdesign: „Was für ein Aufwand!“ - „Vor zwanzig Jahren wäre das nicht gegangen.“ - „Man sieht, wieviel Geld da drinsteckt.“ Der Regisseur Joseph Vilsmaier bekennt, auch er sei einst hinter dem „Parfum“ hergewesen. Die Produktionsgeschichte des Films ist auch die Geschichte der Filme, die uns erspart geblieben sind.

          Leben wie im Buch

          Auf der Premierenfeier in der Residenz jagen alle Kamerateams einen weißhaarigen, gebeugt gehenden Mann im gestreiften Hemd zum dunklen Anzug. Es ist Gunter Sachs. In einer Ecke vor dem Ausgang sagt er zum letztenmal, wie sehr ihm der Film, das Buch, die Darsteller gefallen hätten, dann geht er hinaus. Zwei Frauen stützen ihn. Wovon Süskinds Grenouille träumt, Macht über Menschen, Liebe, Genuß, das hat er gehabt. Für alle anderen gibt es die Literatur.

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