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Kino : Heimat, deine Ungeheuer

Schwäbische Küche einmal anders Bild: Pandora Film

Das Leben ist eine bayerische Höllenfahrt: Josef Bierbichler brilliert in dem neuen Film „Winterreise“. Es ist aber auch eine zarte Liebesverstrickung in der schwäbischen Provinz. Das zeigt „Eden“ mit der Debütantin Charlotte Roche.

          4 Min.

          Als das Auto nachts auf der Landstraße anhält, keine zwanzig Meter von dem kahlen Baum entfernt, der seine Äste über die verschneite Böschung hängen läßt, denkt man, jetzt weiß man, was geschieht. Es ist ja auch wirklich aus mit diesem Franz Brenninger, der seinen Metallbetrieb in einer bayerischen Kleinstadt an die Wand gefahren, das Geld seiner Frau ins Bordell getragen und sein Leben in eine abschüssige Geisterbahn verwandelt hat - keine Hoffnung mehr, jetzt noch ein Tritt aufs Gas, dann Ende und Amen. Andere Filme hätten hier Schluß gemacht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber es kommt anders in Hans Steinbichlers „Winterreise“, und das ist deshalb so großartig, weil der Tod, um den es geht, zwar nicht stattfindet, aber dennoch allgegenwärtig ist, durch die Dunkelheit, den Schnee, die Leere und vor allem durch das Lied, das Brenninger singt. Es ist ein Stück aus Franz Schuberts Zyklus „Winterreise“: „Eine Straße muß ich gehen, / Die noch keiner ging zurück.“ Schuberts Lieder sind die Wegmarken dieses Films, sein Leitmotiv, und wenn man sich vorstellt, daß der Untergeher Brenninger von dem Gefühlsberserker Josef Bierbichler gespielt wird, bekommt man eine Ahnung von den Kräften, die „Winterreise“ entfesselt.

          „Die Kinder sind scheiße“

          Es ist Bierbichlers Film, von Anfang an. Aber es ist auch Steinbichlers Film, gleich im ersten Bild, das Brenninger beim Hantieren in seiner Werkstatt zeigt - er probiert, ob der Strick, den er sich drehen will, sein Gewicht aushält. Genauso macht es auch der Film, mit Einstellungen, die wie verstolpert wirken, bis man begreift, daß sie genau den Rhythmus Brenningers abbilden, den Takt seines Stolperns und Sichverlierens, den Herzschlag, der ihn aus der Bahn wirft. Wenn es ruhig wird in „Winterreise“, hält man automatisch den Atem an, denn es dauert nur Augenblicke, bis der nächste Ausbruch kommt, mit dem Brenninger seine Qual herausschreit. Einmal liegt er frühmorgens auf dem Sofa in seinem großen, hohlen Haus, und als seine Frau (Hanna Schygulla) kommt und fragt: „Franz, was ist denn in dir drin?“, da antwortet er: „Alles ist dunkel.“ Und als wollte er sich auch den letzten Ausweg in sein früheres Leben verbauen, legt er noch nach: „Die Kinder sind scheiße.“

          Mutti hat's Bordell gezahlt

          Am Anfang von „Winterreise“ sieht man Afrika, die Berge Kenias. Dort muß der Film hin, und auf dem Weg dorthin erzählt er die Geschichte. Franz Brenninger ist einer Betrügerbande auf den Leim gegangen, die ihm weisgemacht hat, sie wolle auf seinem Konto ihre Dollarmillionen waschen - die fünfzigtausend Euro, die er für das Geschäft anzahlen mußte, sind weg. Brenninger fliegt nach Kinshasa, mit Leyla (Sibel Kekilli), die er als Übersetzerin angeheuert hat und die ihm als Trösterin und Zuschauerin für seine Eskapaden dient. Nach den Schnee- und Nebelbildern aus Deutschland ist das afrikanische Licht ein Schock, aber mit derselben kalten Raserei, mit der Bierbichler seine Figur durch das oberbayerische Arkadien gesteuert hat, spielt er auch hier sein Spiel zu Ende. Er verirrt sich in den Slums, kniet zwischen Mülltüten, folgt einer Spur in die Berge und bekommt schließlich sein Geld zurück. Und dann, mit dem Koffer voller Dollars in der Hand, gibt er den Kampf auf. Man sieht ihn einen Hügel hinaufgehen, irgendwo in Afrika, dann ist er fort. Wer drei Sonnen am Himmel stehen sehe, heißt es in der „Winterreise“, der sei nicht mehr von dieser Welt. Franz Brenninger hat die drei Sonnen gesehen.

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