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Kino : Halbspott in Weiß: Robert Schwentkes "Eierdiebe"

Eben noch Party, bald schon Pathologie, das ist das Schreckensbild, das Martin Schwarz vor sich sieht, als er bei einem Familienfest im Weinkeller zusammenbricht. Fast der einzige Schauplatz des Films „Eierdiebe“, in dem es um Hodenkrebs geht, ist ein Klinikum in Berlin. Dennoch wuchert der Hang zur Pointe.

          Eben noch Party, bald schon Pathologie, das ist das Schreckensbild, das Martin Schwarz vor sich sieht, als er bei einem Familienfest im Weinkeller zusammenbricht. Die Diagnose: Hodenkrebs. Die Therapie: Nach der Entfernung eines Hodens wird so lange an ihm herumgeschnitten, bis keine Krebszellen mehr zu entdecken sind. Von diesem Punkt aus entwickelt sich der Film "Eierdiebe" des jungen Drehbuchautors und Regisseurs Robert Schwentke. Sein beinahe einziger Schauplatz ist ein Klinikum in Berlin, seine Protagonisten sind das Krankenhauspersonal, Krebskranke und deren Angehörige. Da gibt es die zynischen Langzeitpatienten, die sich am liebsten mit Gewaltvideos ablenken, die schöne sterbenskranke Susanne (Julia Hummer) und den schnöseligen Neuankömmling Martin (Wotan Wilke Möhring), der sich anfangs abgrenzt und störrisch auf seinem Einzelzimmer besteht, dann aber lernt, sich in die Gemeinschaft einzufügen - am Ende ist er natürlich ein anderer Mensch geworden.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Hang zur Pointe, zum schnoddrigen Humor, zu Parodie und Pathos, kurz: zur schnell wechselnden Folie statt zu modellierten Gestalten ist der Charakterzug dieses Films, von der ersten Minute an, in der ein grausiger Konvoi von Leichen durch die Katakomben der Klinik rast. Am einförmigsten sind die Autoritätspersonen geraten, deren Beistand sich der Krebskranke so dringend wünscht und so schmerzlich sehr vermissen muß. Martins Mutter plant hilflos die universitäre Zukunft ihres Sohnes, bevor sich noch absehen läßt, wie lange er überleben wird, und trompetet Sätze wie "Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht aus der Welt kriegen". Der Chefarzt betont bei buchstäblich jedem Patienten, der Kranke solle sich "keine Sorgen machen", er sei "in den besten Händen". Und weil Götz Schubert in dieser Rolle so himmelschreiend knallchargenhaft agieren muß, grabscht er bei jeder Gelegenheit die blonde Pflegerin an oder hüpft ihr über abgestellte Krankenhausbetten nach - in solchen Passagen wirkt der Film wie eine Umsetzung der ältesten Krankenhauswitze. Das ist nicht nur quälend, sondern unterläuft auch jeden Versuch, jene schwierige Gratwanderung zwischen ernstem Thema und leichtfüßiger Umsetzung zu meistern.

          So ist das beste, was man über seinen Film sagen kann, daß er temporeich und manchmal lustig, gelegentlich sogar anrührend ist - und daß die Kamera nicht wegschaut, wenn es eklig wird. Doch weil "Eierdiebe" zuverlässig in beinahe allem des Guten zuviel tut, weil er zu bunt, zu laut, zu humorig und auch zu kitschig ist, fällt es schwer, die Geschichte dort ernst zu nehmen, wo sie endlich mal zum Ernst entschlossen ist. Um nichts in der Welt, das läßt sich ahnen, wollte Schwentke, der selbst eine Krebserkrankung überstanden hat, einen Betroffenheitsfilm drehen. Das ist ihm gelungen. Daß der Film allerdings auch keinen nachhaltigen Eindruck hinterläßt, ist dafür ein ziemlich hoher Preis.

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