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Kino : "Gegen die Wand": Der Berlinale-Sieger läuft nun im Kino

  • -Aktualisiert am

Ein Goldener Bär, eine schmähliche Kampagne, jetzt wird man sehen, was das alles bringt, und kann womöglich erleben, wie Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ all die Erwartungen spielend unterläuft.

          Ein Goldener Bär, eine schmähliche Kampagne, jetzt wird man sehen, was das alles bringt, und kann womöglich erleben, wie der Film all die Erwartungen spielend unterläuft. Denn die kuriose Liebesgeschichte zweier gescheiterter Selbstmörder besitzt nicht nur eine verstörende Kraft durch die Unbedingtheit, mit der sie erzählt wird, sondern auch eine überraschende Zärtlichkeit für ihre beiden Figuren, denen der Sinn eigentlich nach ganz anderen, viel direkteren Gefühlen steht.

          Fatih Akin nimmt den Mund gerne voll, wenn es um die Lebensnähe von "Gegen die Wand" geht, dabei legt schon die melodramatische Struktur nahe, daß es sich um ein Kunstprodukt handelt. So naiv, wie der Regisseur gerne tut, ist er gar nicht. Umso besser. Letztlich ist er nicht weniger formbewußt wie sein scheinbar so gegensätzlicher Wettbewerbskonkurrent Romuald Karmakar, nur ist eben der Tonfall ein anderer als bei "Die Nacht singt ihre Lieder" - beeindruckend ist bei beiden, mit welcher Konsequenz sie ihren Weg bis zum bitteren Ende gehen.

          Schon der Anfang nimmt den Titel wörtlich: Da fährt Cahit (Birol Ünel) mit seinem Wagen gegen eine Wand, und weil man vorher zwar gesehen hat, daß der Mann Alkoholiker und am Boden ist, aber nicht weiß, warum, bekommt schon diese Geste eine gewisse Wucht. Als er dann glimpflich davongekommen im Krankenhaus Sibel (Sibel Kekilli) begegnet, die offenbar ähnlich selbstmörderisch veranlagt ist und auch nicht davor zurückschreckt, sich erneut die Adern aufzuschlitzen, da fragt man sich noch, ob Akin wirklich den Atem hat, über die selbstzerstörerischen Posen hinaus eine Geschichte zu erzählen.

          Tatsächlich bohrt sich der Film immer tiefer in das Geflecht aus Verzweiflung und Wahn, bis man auch als Zuschauer der tragischen Logik der Beziehung nicht mehr entfliehen kann. Sibel will ihrer türkischen Familie entkommen, will das Leben in vollen Zügen genießen, will die Freiheit um jeden Preis - auch den des Todes. Da der Freitod aber mißlungen ist, versucht sie Cahit zur Scheinehe zu überreden, auf die er sich nur widerstrebend einläßt. So bringt Akin zwei Menschen zusammen, die nichts mehr zu verlieren haben - und also letztlich nur gewinnen können. Daß die Zweckehe den beiden plötzlich ein Leben aus Sex, Drogen und Rock'n'Roll beschert, das sie alle Verzweiflung schnell vergessen läßt, ist eine Wendung, die sich weniger der emotionalen Logik als dem Schwung des Films verdankt.

          Für Akin ist das kurze Glück auch nur ein Atemholen auf dem Abstieg in die Hölle. Das Arrangement der beiden läuft unvermeidlich aus dem Ruder, als Cahit merkt, daß ihm mehr an Sibel liegt, als er zugeben will. So steht auf der Achterbahnfahrt der Emotionen der steile Absturz überhaupt erst bevor - und er mündet in jene Szene, die in ihrer selbstzerstörerischen Konsequenz das Gegengewicht zur Wucht des Anfangs bildet. Da steht dann Sibel auf einer nächtlichen Straße in Istanbul und provoziert eine Gruppe von Männern so lange, bis einer durchdreht. und wenn das Messer in ihren Körper dringt, ist es fast schon eine Erlösung, aber noch lange nicht das Ende. Zwischen Lebenswut und Todessehnsucht liegt Fatih Akins überraschende Stärke darin, wirklich bis zu jenem Punkt vorzudringen, wo nichts mehr geht.

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