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Kino : Eisbären sind keine Problembären

Die Fantasy-Verfilmung „Der Goldene Kompass“ mit Nicole Kidman und Daniel Craig will große Familienunterhaltung sein und unterschlägt deshalb vor allem die düsteren Seiten von Philip Pullmans großartiger Romanvorlage.

          Am Ende rieb man sich dann doch die Augen, schwankend zwischen Unglauben und Ärger - meinen die das ernst? Dieses rosige Finale, diese tapferen Mädchenaugen, die strahlend in Richtung Norden blicken, wo dann alle Not ihr Ende finden soll? Diese beherzte Stimme der kleinen Lyra, die all ihre Freunde aufzählt, auf deren Hilfe sie im Kampf mit dem Bösen bauen darf?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Den Eisbär, die Hexe, den tapferen Luftschiffer, in dessen Ballongondel sie gerade sitzt, und nicht zuletzt ihren kleinen Freund Roger, den sie soeben aus den Fängen ihrer verschlagenen Mutter befreite - nur dass es Roger gleich das Leben kosten wird, wie alle wissen, die den Roman „Der Goldene Kompass“ gelesen haben, dem der Film bis zu dieser Stelle eingermaßen verlässlich gefolgt war. Jetzt aber bricht er ab, und während man das Ganze noch für einen besonders raffinierten Trugschluss hält, setzt der Abspann ein. Die meinen das ernst.

          Ende mit der Liebesnacht

          Wer ins Kino geht, um Erbsen zu zählen, sollte besser zu Hause bleiben, und das gilt besonders beim Umgang mit Literaturverfilmungen. Die Handlung wird gestrafft, aus zwei Figuren werden eine, na und? Was aber hier geschieht, ist mehr: Konnte man den Film über noch hier und da beobachten, wie besonders drastische, ernste oder bittere Szenen zurückgenommen wurden, wie Ambivalenzen zugunsten einer klareren Scheidung zwischen Gut und Böse aufgelöst wurden, so wirkt dieses Ende, als erzählte man die Geschichte von Romeo und Julia nur bis zur Liebesnacht, als ersparte man Anna Karenina den letzten Gang zum Bahnhof oder beließe es bei Werthers und Lottes liebesseliger Gewitternacht.

          Nun ließe Philip Pullmans „Der Goldene Kompass“, der erste Teil seiner großartigen Romantrilogie, sogar eine solche Umdeutung zu, denn es geht in diesem Werk um eine Reihe von Parallelwelten, die miteinander verbunden sind und sich untereinander oft nicht sonderlich unterscheiden. In einer von ihnen, die fast so aussieht wie unsere und in der es neben Zeppelinen und Atomkraftwerken auch eine Art Oxford gibt, lebt ein kleines Mädchen namens Lyra, das erleben muss, wie einige ihrer Spielkameraden plötzlich verschwinden. Auf der Suche nach ihnen erfährt sie, dass sie doch keine Waise ist, da es sich bei der Verantwortlichen für die Entführungen der Kinder, der eleganten Marisa Coulter, um ihre Mutter handelt und bei deren Gegenspieler, dem Abenteurer Lord Asriel, um ihren Vater.

          Grausamkeit und Eleganz

          Sie gewinnt in dem verbannten Eisbären Iorek Byrnison einen verlässlichen Freund, ebenso in dem Ballonfahrer Lee Scoresby, sie befreit die entführten Kinder aus einem schrecklichen Lager im hohen Norden und verhilft Iorek zu seinem rechtmäßigen Platz auf dem Eisbärenthron. All das erzählt der Regisseur Chris Weitz, der auch das Drehbuch verantwortet, schnörkellos, mitunter etwas hastig; die vielen animierten Gestalten kauft man dem Film ebenso ab wie die phantastischen Hintergründe, und weil auch die entfesselte Kamera die Dinge am liebsten entweder gleitend aus der Luft oder in direkter Nahaufnahme betrachtet, funktioniert diese Welt als Fiktion sehr gut, ohne dass man übertrieben Anteil an ihr nähme.

          Immerhin: Nicole Kidman zeigt als Marisa Coulter das passende Maß von Grausamkeit, gepaart mit Eleganz, die junge Dakota Blue Richards als gutmütige, aber eben auch latent zornige Lyra ist ebenso glücklich besetzt wie Eva Green als bildschöne Hexe Serafina Pekkala. Und weil daneben noch Stars wie Daniel Craig und Derek Jacobi mitwirken, weil der Film mit hohem Einsatz ein millionenfach verbreitetes Jugendbuch adaptiert und zur Vorweihnachtszeit startet, ist der Wille zum Familienfilm unübersehbar. Dass man diesem Ziel dann die düstersten Seiten der Vorlage opfert (und seinem Publikum etwa das grauenhafte Sterben eines verstörten Kindes nicht zumuten will), ist da nur konsequent. Nur dass sich leicht ein großer Film denken lässt, der mit demselben Aufwand, derselben Vorlage, denselben Schauspielern, aber erheblich mehr Mut entstanden wäre.

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