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Kino : Ein Königreich für eine Revolution

Aufsehenerregender Dogma-Film: Lars von Triers „Idioten” Bild: picture-alliance / dpa

Vor zehn Jahren sollte von Dänemark aus das Kino neu erfunden werden: durch Disziplin und Verzicht auf jederlei technische Tricks. Heute ist die Dogma-Bewegung tot - dabei bräuchten wir sie mehr denn je.

          Im Mai 1995 erschien der dänische Regisseur Lars von Trier auf einer Konferenz zum hundertsten Geburtstag des Kinos im Pariser Odeon-Theater mit einem roten Flugblatt in der Hand. Darauf prangten in Großbuchstaben ein Wort und eine Zahl: „DOGMA 95“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In dem Text, der darunter stand, waren zwei Sätze unterstrichen. „Für DOGMA 95 ist das Kino nicht individuell!“ stand da und: „Für DOGMA 95 ist der Film keine Illusion!“ Der Rest des Textes kündigte in pathetischen Worten eine neue Bewegung an, die gekommen war, die „bourgeois“ und „dekadent“ gewordene Filmkunst durch Verzicht und Disziplin zu retten. Jeder, der ihr beitreten wollte, mußte der „freien Wahl der Trickserei“ entsagen. Denn: „Heute ist ein technologischer Sturm entfesselt, der die Kosmetik zur Gottheit erhöht....Illusionen sind alles, wohinter der Film sich verstecken kann.“

          Erst Jahre später Aufsehen erregt

          Was weiter auf der Konferenz geschah, ob von Trier mit seinem Flugblatt irgendwie auffiel oder ob die Franzosen ihn höflich ignorierten, ist nie erzählt worden. Fest steht, daß die Dogma-Idee erst drei Jahre später wirklich Aufsehen erregte, als Thomas Vinterbergs „Das Fest“ und Lars von Triers „Idioten“ im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes liefen. Und fest steht auch, daß die Bewegung heute, zehn Jahre später, erloschen ist, aus und vorbei. Der letzte bekanntere Film mit Dogma-Zertifikat, den die „Internet Movie Database“ verzeichnet, ist Annette K. Olesens „In deinen Händen“.

          Die offizielle Dogma-Website (http://www.dogme95.dk/) verzeichnet zwar noch dreizehn weitere Dogma-Projekte aus Italien, England, Südafrika und anderen Ländern, aber sie stammen fast ausnahmslos von Debütanten - ganz anders, als es sich die Gründer der Bewegung vorgestellt haben, für die Dogma ein Mittel der „Selbstreinigung“ für Kinoprofis war -, und die meisten sind bis heute unrealisiert.

          Zu einer Genreformel geworden

          Das Dogma-Sekretariat in Kopenhagen, das die berühmten Echtheitszertifikate verschickte, hat schon vor drei Jahren seine Arbeit eingestellt. Zur Begründung hieß es, Dogma sei „fast zu einer Genreformel geworden, was nie unsere Absicht war“. Jedermann könne jetzt einen Dogma-Film machen, auch ohne Zertifikat.

          Wenn aber jeder einen Dogma-Film machen kann, hat sich das „Keuschheitsgelübde“, der Schwur des Verzichts auf künstliche Lichtquellen, visuelle Tricks, Zeitsprünge, Kostüme und Make-up, Bewegungshilfen für die Kamera, Soundtrack und „oberflächliche Action“, endgültig erledigt, denn es gibt keine zentrale Instanz mehr, die seine Einhaltung überprüfen könnte. Dann aber ist Dogma erst recht zu einem Stilmittel geworden, das man hier und da einsetzen kann, wo die Handlung es erfordert, ohne sich an seine Maximen gebunden zu fühlen.

          Nur ein Trick?

          Aber gab es überhaupt Maximen? Oder war das Manifest nur ein Trick, um die Aufmerksamkeit des Kinopublikums zu erringen, ein Werbegag seiner Verfasser? Wenn das so wäre, dann hätten sich Thomas Vinterberg und Lars von Trier gründlich verrechnet. Vinterberg ist seit „Festen“ mit jedem Film schlechter geworden, bis zum absoluten Tiefpunkt - der sein kommerzieller Durchbruch hätte werden sollen - in „It's All About Love“ (2003); sein jüngster Film „Dear Wendy“ (Drehbuch: Lars von Trier) lief nahezu unbemerkt im Rahmenprogramm der diesjährigen Berlinale.

          Und von Trier hätte auch ohne Dogma locker von „Breaking the Waves“ zu „Dancer in the Dark“ und „Dogville“ gelangen können; „Idioten“ wirkt, von heute aus gesehen, wie eine Unterbrechung seiner ästhetischen Erkundung des Kinoraums, eine Atempause vor den gewagteren Experimenten. Für einige dänische Regisseure aus der zweiten Reihe wie Susanne Bier („Open Hearts“), Soren Kragh-Jacobsen („Mifune“) und Ole Christian Madsen („Kira“) war die Dogma-Erfahrung dagegen eine entscheidende Karrierehilfe, ohne die ihre Filme wohl kaum den Weg ins Ausland gefunden hätten. Daß Biers „Brothers“ und Kragh-Jacobsens „Skagerrak“ bei uns im Kino eine Chance bekamen, verdanken sie der Qualität ihrer Dogma-Filme, so wie wir den Dänen Dominik Grafs wunderbaren Fernsehfilm „Die Freunde meiner Freunde“ verdanken - aber sonst leider nicht viel.

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