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Kino : Die Tote am Strand

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Drogen, Sex und das „Dolce Vita“: Der Mordfall Wilma Montesi erregte in den Fünfzigern ganz Italien und lag als dunkler Schatten über der Karriere des Filmstars Alida Valli, die kürzlich starb. Über die Geburt eines Skandals.

          Am Freitag starb in Rom die italienische Schauspielerin Alida Valli, die bei Bertolucci, Antonioni, Pasolini und Hitchcock gespielt hat und in „Der dritte Mann“ die stolze Geliebte von Harry Lime war. Sie hatte in einem spärlich möblierten alten Palast an der Piazza Navona gelebt und sich von einer kargen Rente genährt, mit der ihr der italienische Staat unter die Arme gegriffen hatte. In den Nachrufen fand sich manchmal ein Nebensatz, in dem von einem Skandal die Rede war, der Italien in den Fünfzigern erschüttert und ihre Karriere ruiniert habe.

          Alida Valli war nur eine Nebenfigur in dem Fall Wilma Montesi, aber sie hatte dem Hauptverdächtigen ein Alibi verschafft und damit die öffentliche Meinung gegen sich aufgebracht. Und weil der Fall so weite Kreise gezogen hatte, daß Italien damals quasi gegen sich selbst zu Gericht saß, lohnt es sich, die Vorgänge noch einmal unter die Lupe zu nehmen, die damit begannen, daß der Maurer Fortunato Bettini am Morgen des 11. April 1953 um 7.30 Uhr am Strand von Torvaianica südlich von Rom die Leiche von Wilma Montesi fand. Sie war nur 21 Jahre alt geworden und wurde zum Sinnbild der verlorenen Unschuld Italiens, Opfer jener gesellschaftlichen Veränderungen, die man verkürzt Moderne nennen könnte und die schon deshalb als Sündenbock herhalten mußten, weil der Täter nie gefunden wurde. In dem Fall vermischt sich alles, was das Land damals verschreckte, zu einem explosiven Cocktail: Mord, Sex und Rauschgift, gestürzte Politiker, zwielichtige Adlige und leichte Mädchen, all das, was Fellini später zur „Dolce Vita“ adelte.

          Sie mochte Anna Magnani nicht

          Die Schreinerstochter Wilma hatte am 9. April um 17.20 Uhr die elterliche Wohnung in der Via Tagliamento 76 verlassen, um mit dem Zug nach Ostia zu fahren, wo sie ihre Füße im salzigen Meerwasser baden wollte, weil sie von ihren Antilopenlederschuhen Blasen bekommen hatte. Das behauptete zumindest ihre Schwester Wanda, mit der sie in einem Zimmer schlief. Der Vater Rodolfo war nach dem Mittagessen zurück in seine Werkstatt gegangen, Mutter und Schwester ins Kino, „Die goldene Karosse“ ansehen. Wilma blieb zuhause, sie konnte die Hauptdarstellerin Anna Magnani nicht leiden.

          Stattdessen war sie um 17.20 Uhr zur Station San Paolo gegangen. Das behauptete zumindest die Portiersfrau. Aber in zehn Minuten hätte sie es unmöglich zum Bahnhof schaffen können, denn der letzte Zug nach Ostia ging um 17.30 Uhr. An ihren Füßen seien auch keine Auffälligkeiten festgestellt worden, hieß es im Obduktionsbericht. Und obwohl sich Zeugen fanden, die sie am Strand von Plinius bei Ostia gesehen haben wollten, tauchte ihre Leiche siebzehn Kilometer weiter südlich auf, im schwarzen Sand von Torvaianica. Es fehlten Strumpfhalter, Strümpfe, Rock, Schuhe und Tasche.

          Selbstmord oder Unfall

          Eine Woche später galt der Fall als gelöst. Zwei Hypothesen hatte die Polizei aufgestellt. Entweder hatte Wilma Selbstmord begangen oder es war ein Unfall - Tod durch Ertrinken nach Ohnmachtsanfall. Keine der beiden Annahmen erklärt, warum die Unterwäsche fehlte oder warum die Leiche im Wasser eine so weite Strecke zurückgelegt hatte. Gegen den Freitod sprach nach damaliger Auffassung auch, daß lebensmüde Mädchen eher in den Tiber sprangen, sowie die Tatsache, daß Wilma mit einem Polizisten aus Kalabrien verlobt war.

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