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Kino : Die Strategie des Känguruhs

  • Aktualisiert am

Bild aus der Vergangenheit: „Caché” Bild: Prokino

Es ist nur ein Film, aber das ist für den Zuschauer kein Trost: Michael Hanekes mustergültig komponiertes Drama „Caché“ ist ein Meisterwerk über die Schatten der Vergangenheit - Antikino in Vollendung.

          4 Min.

          Die Rue des Iris in Paris, die man in der ersten Einstellung von „Caché“ zu sehen bekommt, gibt es tatsächlich. Es ist eine kleine Straße im dreizehnten Arrondissement, die in einem Bogen auf die Rue Brillat-Savarin zuführt, in einer ruhigen Gegend mit gemischtem Publikum, Mietern, Hausbesitzern, Klein- und Großbürgern. An der Straßenecke steht, genau wie im Film, ein zweistöckiges Stadthaus mit Atelierfenstern und weißem Vorbau. Oder besser: Es steht in Michael Hanekes Film genauso da wie in Wirklichkeit. Nur daß es in „Caché“, je länger man es betrachtet, unmerklich zu zittern scheint.

          Der Film läßt sich Zeit. Minutenlang betrachtet er nur das Haus und die Straße davor, die parkenden Autos, die Blumen auf einem nahen Balkon. Vogelzwitschern; ein Radfahrer fährt vorbei; ein Mann tritt aus der Tür. Dann sagt eine Frauenstimme: „Das Band läuft über zwei Stunden.“ Die Stimme zerstört die Illusion, dies hier könne eine Geschichte wie alle anderen sein. Es ist der erste tiefe Riß in diesem aus Rissen und Brüchen komponierten Film - und der nachhaltigste. Kurz darauf sieht man, wie das Band zurückgespult wird: Jetzt löst sich das Haus selbst in flirrende Fetzen auf. Es ist ja nur ein Bild, möchte man sich selbst beruhigen; aber das ist in „Caché“ kein Trost.

          Aber wer sieht wen?

          Nun treffen wir die Bewohner des Hauses. Es sind Georges (Daniel Auteuil) und Anne Laurent (Juliette Binoche), ein Fernsehmoderator und eine Verlagslektorin, mit ihrem zwölfjährigen Sohn, Pierrot. Zwei erfolgreiche Medienleute mit intellektuellen Ansprüchen; zum Abendessen im Bücherzimmer trinken sie Bordeaux. Jemand hat ihnen ein Video geschickt, auf dem ihr Haus zu sehen ist. Ich sehe euch, heißt das. Aber wer sieht wen? Kurz darauf erhält Georges einen Umschlag, in dem eine Art Kinderzeichnung steckt: ein Gesicht, aus dem Blut quillt. Heißt das: „Ich töte euch“? Oder, wie es die Geschichte später nahezulegen scheint: „Ich töte mich, und ihr schaut zu“?

          Als Michael Haneke im Mai in Cannes für diesen Film einen Jurypreis als bester Regisseur bekam (dem im Dezember der Europäische Filmpreis folgte), war ihm die Enttäuschung darüber anzumerken, daß er nicht die Goldene Palme gewonnen hatte. Das ist verständlich, denn „Caché“ ist Hanekes Meisterwerk, ein Film, der auf perfekte Weise all das zusammenführt, was sein Autor in „Code Inconnu“, „Funny Games“, „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ oder „Bennys Video“ einzeln entwickelt hat.

          Sie müßte das Kino verdammen

          Andererseits erscheint es durchaus konsequent, wenn Haneke der Hauptpreis des wichtigsten Festivals der Welt, das seit siebzehn Jahren alle Filme des Österreichers zeigt, auch weiterhin verwehrt bleibt. Denn eine Jury aus Filmleuten, die ihm die Palme verliehe, müßte ihre eigene Unzuständigkeit erklären. Sie müßte zugeben, daß ihre Mitglieder, sei es als Schauspieler, Regisseure oder Produzenten, zeit ihres Lebens nichts anderes getan haben, als die Leinwand mit überflüssigen, konsumistischen, fallweise zynischen oder lächerlichen Bildchen zu verstopfen. Sie müßte das Kino, dem ihr Walten und Wirken gilt, als Rummelplatz der Selbstvergessenheit verdammen. Ebendas tut Michael Haneke in allen Äußerungen, die es von ihm gibt. Und diese Einsicht setzt er auch in seinen Filmen um.

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