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Kino : Die Rose aus Stahl

Distanzierter Blick: Reese Witherspoon in „Vanity Fair” Bild: AP

In Mira Nairs Verfilmung von William Makepeace Thackerays Roman „Jahrmarkt der Eitelkeit“ arbeitet Reese Witherspoon als Salonluder am sozialen Aufstieg. Die großen Züge der Geschichte jedoch gehen verloren.

          Daß es eine Literaturverfilmung ist, die man gerade sieht, merkt man - wenn man es nicht vorher weiß - meistens nach ungefähr einer halben Stunde.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Gewöhnliche Filme haben zu diesem Zeitpunkt ihr Personal vorgestellt und kommen zur Sache, egal, ob es um Mord und Totschlag oder Liebe und Eifersucht geht. Die Literaturverfilmung aber kommt aus dem Vorstellen gar nicht mehr heraus. Da ist immer noch ein Earl, eine Baroneß, ein Wucherer oder Kammerdiener, die wir kennenlernen müssen, und dazu den Hintergrund, vor dem sie tätig sind, Schloß X oder die berüchtigte Y-Straße, akribisch nachgestellt in den Soundso-Studios oder an Originalschauplätzen in Krakau und Prag.

          Nie wirklich bewegt

          Während der nichtliterarische Spielfilm, selbst wenn er in Kostüm und Sandalen einherschreitet, irgendwann einfach anfängt, seine Geschichte zu erzählen, kann die Literaturverfilmung nicht aufhören, ihrer Vorlage die Honneurs zu machen. So vergehen zwei oder drei Stunden, in denen man auf gepflegteste Weise unterhalten, aber - trotz vieler Kutschfahrten über präparierte Feldwege - nie wirklich bewegt wird.

          In Mira Nairs Verfilmung von William Makepeace Thackerays Roman „Jahrmarkt der Eitelkeit“ kommt nach einer halben Stunde der Moment, in dem die Heldin Becky Sharp (Reese Witherspoon) der hochwohlgeborenen Matilda Crawley (Eileen Atkins) vorgestellt wird, einer Schwägerin des Landadligen Pitt Crawley (Bob Hoskins), bei dem Becky als Hauslehrerin angestellt ist. Matilda, die ihren Neffen Rawdon (James Purefoy) im Schlepptau hat, ist die Erbtante der Familie, und Becky Sharp ist eine ehrgeizige und gebildete junge Waise, so daß der Anknüpfung amüsanter Intrigen nichts im Wege steht. Und tatsächlich findet die mit ihren freigeistigen Ansichten kokettierende Tante ebenso Gefallen an der klugen Miss Sharp wie der schneidige Neffe, so daß Becky alsbald sowohl in Lady Matildas Londoner Haus als auch in Rawdons Herz Einzug hält.

          Plötzlich verschwunden

          Aber so plötzlich, wie die Erbtante in dem Film aufgetaucht ist, verschwindet sie auch wieder, als ihre Rolle ausgespielt ist. Becky heiratet Rawdon, der zur Strafe enterbt wird und als Offizier mit seiner schwangeren Frau in den Krieg gegen Napoleon zieht, so daß abermals eine ganz neue Garnitur von Figuren, Kulissen und Konflikten auf der Leinwand erscheint, noch ehe wir uns an die alte gewöhnt haben.

          So schleppt uns der Film durch die Räume seiner Vorlage wie ein Fremdenführer, der von all den Sehenswürdigkeiten in seinem Revier immer nur zu sagen weiß, daß sie höchst sehenswert sind. An die Stelle der Geschichte, die er zu erzählen hätte, treten die vielen kleinen Geschichten und Anekdoten, in denen er sie vergeblich sucht.

          Und das ist schade. Denn in einzelnen Szenen, zumal am Anfang und am Schluß, sieht Mira Nairs „Jahrmarkt der Eitelkeit“ durchaus der einzigen anderen bedeutenden Thackeray-Verfilmung ähnlich, die in den vergangenen fünfzig Jahren gedreht wurde, Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ von 1975. An Kubrick erinnert der distanzierte Blick, mit dem die kleine Becky Sharp zuerst im Atelier ihres Vaters beim Feilschen um den Preis eines Bildes und später beim Abschied aus dem Pinkertonschen Mädchenpensionat gezeigt wird, in dem sie den anstrengenderen Teil ihrer Kindheit verbracht hat.

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