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Kino : Die richtigen Männer sind immer die falschen

Inka Friedrich (l.) und Nadja Uhl in „Sommer vorm Balkon” Bild: dpa

Zwei Freundinnen und die Liebe in der sommerlichen Großstadt Berlin: Andreas Dresens Film „Sommer vorm Balkon“ hätte ein Sozialdrama sein können, wird aber zur Komödie.

          3 Min.

          Der Sommer ist die Jahreszeit des Großstadtfilms. Und Berlin ist überhaupt nur im Sommer als Großstadt zu ertragen, so daß die Bedürfnisse der Kamera und des Lebens, das sie zeigt, in eins fallen: Beide dürsten nach Licht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Folgerichtig spielen die großen Berlinfilme in der Badesaison, von Robert Siodmaks und Billy Wilders „Menschen am Sonntag“ und Walter Ruttmanns „Berlin: die Sinfonie der Großstadt“ bis Rudolf Thomes „Berlin Chamissoplatz“ und Christian Petzolds „Gespenster“. Nur Wim Wenders macht mit seinem „Himmel über Berlin“ eine Ausnahme, und man versteht auch sofort, warum: weil Engel im Sommerlicht wie Kostümdrachen wirken würden. Ihr Astralleib funkelt nur in der Dunkelheit des Winters.

          Augenbetäubend schönes Wetter

          Andreas Dresens Film „Sommer vorm Balkon“ hat weder Engel noch Gespenster zu bieten, und statt aus wolkiger Höhe blickt er bestenfalls von einer Balkonbrüstung im fünften Stock auf den Berliner Alltag herab. Dafür ist aber das Wetter in diesem Film geradezu augenbetäubend schön, es herrscht ein Sommer wie aus dem Bilderbuch. Die einzigen Szenen, die man mit einigem Recht als wolkenverhangen bezeichnen kann, spielen in der Suchtabteilung des Klinikums Berlin-Weißensee, wo Andreas Dresens Geschichte eine Art Besinnungspause einlegt. Danach aber wölbt sich über den Geschicken seiner beiden Heldinnen wieder das ortsfeste brandenburgische Hoch.

          Ist noch was im Kühlschrank? Nike (Nadja Uhl)
          Ist noch was im Kühlschrank? Nike (Nadja Uhl) : Bild: X-Verleih

          Der Balkon des Filmtitels gehört Nike (Nadja Uhl), die in ihrer Dachgeschoßwohnung die Musterräume diverser Berliner Möbelhäuser getreulich nachgebaut hat: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, alles hübsch puppig und nagelneu. Nike arbeitet als Altenpflegerin mit fester Kundschaft, sie wäscht, wickelt und bemuttert jene, die sich nicht mehr selber helfen können. Ihre Freundin Katrin (Inka Friedrich), die im Parterre mit ihrem zwölfjährigen Sohn Max zusammenlebt, ist dagegen arbeitslos. Gleich in der ersten Filmszene erleben wir sie bei einem fingierten Vorstellungsgespräch im Motivationskurs des Arbeitsamts; Katrin versagt, weil sie ihre Körpersprache nicht im Griff hat, sie wird demnächst vierzig und fürchtet sich davor. Auch die Vorgeschichten der Freundinnen sind symbolisch vielsagend konstruiert: Nike, die jüngere und selbstbewußtere, kommt aus dem Osten, während Katrin einst der Liebe wegen aus Freiburg in die Hauptstadt zog. Inzwischen ist sie geschieden. Deutschland, ein Sommermärchen.

          Das falsche Glück

          Worum geht es üblicherweise in einer Kinogeschichte von zwei Frauen? Um Männer. Und um Freundschaft, die das Scheitern der Liebe überlebt. „Die richtigen sind immer die falschen“, sagt Katrin am Anfang zu Nike, als sie mit ihr auf dem Balkon der Dachwohnung sitzt und durch das Fernglas den Apotheker in seinem Laden an der Straßenecke beobachtet. Aber dann ist es Nike, die mit dem Richtigen das falsche Glück erlebt. Ronald (Andreas Schmidt) ist mit seinem Lastwagen in ihr Leben gerauscht, sie nimmt ihn sich, und er quartiert sich bei ihr ein. Aber dann kommt auch bei Ronald ein Vorleben zum Vorschein, das nicht nach Plan verlaufen ist, und schließlich hält Nike gerade jene Gefühle nicht aus, die sie eigentlich erwecken wollte. „Der Mann hat sich verbraucht“, sagt sie zur Kellnerin ihres Stammlokals, als Ronald ausgezogen ist. Dazu singt Demis Roussos, eine bekannte Rostkehle der frühen siebziger Jahre, „Goodbye My Love Goodbye“.

          Das ist der Ton dieses Films: Härte, gedämpft durch Sentimentalität; Grobheiten mit einer Beimischung von Herzensgüte. Der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase hat diesen Ton vor fünfzig Jahren für die Berlinfilme der Defa entwickelt, von Gerhard Kleins „Berlin - Ecke Schönhauser“ (1957) bis „Berlin um die Ecke“, der auf dem berüchtigten elften Parteitag der SED verboten wurde; „Solo Sunny“ (1980), bei dem Kohlhaase zusammen mit Konrad Wolf Regie führte, wurde in der späten DDR zum Kultfilm. Schon damals ging es um eine Frau, die sich allein durchschlägt, aber über den Lebensversuchen der Musikerin Sunny erhob sich noch das institutionelle Gerüst des Sozialismus.

          Die Nöte sind geblieben

          Jetzt, in „Sommer vorm Balkon“, sind die Stützen verschwunden, die Nöte geblieben. Hätte Kohlhaase seine Geschichte in einer Figur zusammengezogen, wäre sie zum Sozialdrama geworden; so, auf zwei Charaktere verteilt, wurde sie zur Komödie. Die Alkoholvergiftung, die Katrin gegen Ende des Films erleidet, ist nur ein Intermezzo, sie rückt die Verhältnisse zurecht, im sozialen wie im sexuellen Sinn. Die Frauensolidarität siegt, der Mann auf dem Balkon ist Geschichte wie der Sommer, der ihn ins Haus brachte.

          Von solchen Dreimonatslieben hat Andreas Dresen, der mit Defa-Filmen aufgewachsen ist, schon in „Nachtgestalten“ und „Halbe Treppe“ erzählt, bevor er mit „Willenbrock“ einen dramatischeren Zugang zur deutschen Wirklichkeit suchte. „Sommer vorm Balkon“, in dreißig Tagen mit geringem Budget auf 16-Millimeter-Material gedreht, ist nun wieder ein typischer Dresenstoff, mit all den losen Enden und flüchtigen Stimmungen, die zu dieser Art Milieu- und Großstadtfilm gehören. „Sommer vorm Balkon“ beschreibe den Übergang vom Sozial- zum Individualstaat, hat ein mit Dresen befreundeter Regisseur erklärt. Dresen selbst, der den Satz voller Stolz zitiert, würde so etwas nie sagen. Er zeigt es nur.

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