https://www.faz.net/-gqz-q0ad

Kino : Die Messer des Herzens

  • -Aktualisiert am

Von der blinden Tänzerin zur Kämpferin: Zhang Ziyi in „House of Flying Daggers” Bild: Constantin

Durch die Choreographie der kämpfenden Körper läßt er die Augen übergehen. Er findet Bilder, die aus der Action die reinste Kalligraphie machen: Zhang Yimous Film "House of Flying Daggers".

          3 Min.

          Kenner wollen wissen, daß das asiatische Kino schon immer fliegen konnte. Für den durchschnittlichen Kinogeher macht das aber keinen rechten Unterschied. Auf den Geschmack gekommen ist man hierzulande eher mit "Matrix", wo Trinity wie ein schwarzer Engel in der Luft zu stehen schien, und hat sich dann in "Tiger & Dragon" verwundert die Augen gerieben, wo der Action-Choreograph Yuen Wo Ping ebenfalls die Finger im Spiel hatte, wenn es darum ging, die Schwerkraft zu überwinden.

          Seither ist man geneigter, nicht nur Hollywoods Actiondramaturgie zu genießen, sondern auch die etwas kompliziertere Grammatik des asiatischen Actionkinos. Zumal es dem chinesischen Regisseur Zhang Yimou schon in "Hero" gelang, nicht nur durch die Choreographie der kämpfenden Körper die Augen übergehen zu lassen, sondern indem er Bilder fand, die aus der Action die reinste Kalligraphie machten.

          Herz ist wirklich Trumpf

          Von seinem Star Maggie Cheung heißt es, daß sie beim Lesen des Drehbuchs von "Hero" jedesmal habe weinen müssen, beim Betrachten des Films jedoch keinerlei Gefühlsregungen gespürt habe. Sie machte dafür Zhangs starres visuelles Konzept verantwortlich, das den Charakteren alles Leben ausgetrieben habe. Man könnte ihr mit einem alten Hollywoodspruch darauf antworten: Action is character! Und doch hatte Zhang seine eigene Art, damit umzugehen, indem er seinen Figuren regelmäßig den Boden unter den Füßen wegzog, weil ihre Geschichten mindestens einen doppelten Boden hatten. Das ist in "House of Flying Daggers" nicht anders. Die Geschichte ist eigentlich nicht sonderlich vertrackt, aber ihre Pfade sind dennoch verschlungen, weil sich immer wieder Kaisertreue als Spione entpuppen und Rebellen als imperiale Soldaten. Alles ist ein abgekartetes Spiel, in dem es nur darum geht zu beweisen, daß Herz auch wirklich Trumpf ist.

          Alles Böse kommt von oben: eine der stärksten Szenen des modernen Actionkinos
          Alles Böse kommt von oben: eine der stärksten Szenen des modernen Actionkinos : Bild: Constantin

          Bei "Hero" wurde Zhang verschiedentlich vorgeworfen, er habe einen Kotau vor den chinesischen Machthabern vollzogen, indem er dem ersten Kaiser von Ch'in ein Denkmal errichtete. Das hat viele Kritiker um so mehr erbittert, als Zhang eigentlich als Vertreter jener "fünften Generation" galt, die dem chinesischen Kino internationales Ansehen verliehen hatte und ständig von der Zensur bedroht war. "House of Flying Daggers" zeigt den Machthaber jedenfalls gar nicht, und seine Abwesenheit macht den Zerfall seines Reiches um so stärker spürbar.

          Der Sinn des Spiels

          Man schreibt das Jahr 859, die Tang-Dynastie ist durch Korruption ausgehöhlt, die Rebellen haben sich zum "Haus der fliegenden Dolche" zusammengeschlossen. Zwei kaiserliche Soldaten (Andy Lau und Takeshi Kaneshiro) bekommen den Auftrag, binnen zehn Tagen dessen Anführer ausfindig zu machen und zu töten. Ihr einziger Anhaltspunkt ist eine blinde Tänzerin (Zhang Ziyi) in einem Bordell, die verdächtigt wird, die verschwundene Tochter des ehemaligen Rebellenführers zu sein. Sie lassen sie festnehmen und fingieren ihre Befreiung, um sich ihr Vertrauen zu erschleichen. Daß bei der Flucht auch Verfolger aus den eigenen Reihen umkommen, wird in Kauf genommen. Wie hoch der Preis für diese Aktion wirklich ist, begreifen alle erst, als es zu spät ist, weil aus den vorgetäuschten irgendwann echte Gefühle werden. Vielleicht ist aber alles ohnehin von Anfang an ein Täuschungsmanöver, in dem das größte Opfer darin besteht, das eigene Herz zu verleugnen.

          Schon die erste Choreographie in dem palastartigen Bordell gibt einen Vorgeschmack auf die Art, wie Zhang sein Publikum in Bann schlägt. Da soll die blinde Tänzerin ihre Künste beim "Echo-Spiel" unter Beweis stellen, bei dem sie in einem Kreis aus Dutzenden von Trommeln steht, auf die ihr Peiniger Bohnen schnippt, deren Flugbahn sie tanzend mit ihren meterlangen Ärmeln nachzeichnen muß. Es geht gar nicht so sehr darum, den Sinn des Spiels zu verstehen, als atemlos dabei zuzusehen, wie die Kamera dem Flug der immer zahlreicheren Bohnen folgt, bis sich schließlich das Bild in seine einzelnen Bohnenmoleküle aufzulösen scheint, welche die Tänzerin umschweben wie Elektronen ein Atom.

          Ein einziges Spiel von Formen und Farben

          Das ist bei weitem noch nicht die virtuoseste Szene des Films, aber Zhang gelingt es dadurch, die Sinne der Zuschauer für die Klänge zu schärfen, welche der blinden Tänzerin die einzige Orientierung sind. So sind auch, wenn sich der Film dann hinausbegibt auf seine weite Reise durch die Landschaften Chinas, die Töne, die von den Rändern kommen, mindestens so präsent wie das Schwerterklingen im Gemetzel. "House of Flying Daggers" gehört zu jener Sorte Film, bei der man nicht nur die Dolche hört, wenn sie die Luft durchschneiden, sondern auch den Wind, wie er durchs Gras rauscht. Gerade die Präsenz der Tonspur verleiht den stilisierten Bewegungen der Geschichte etwas irritierend Gegenwärtiges.

          Die Fliehenden müssen sich immer neuer Angreifer erwehren, bei denen die Kamera der Flugbahn der Dolche und Pfeile hinterhersaust, als wollte sie die Action in ihrer reinsten Form einfangen, sie herausmeißeln aus der Geschichte, die sie umgibt. Sein choreographisches Meisterstück liefert der Film jedoch, wenn die Liebenden durch den Bambuswald fliehen, zwei Schemen in einer Strichzeichnung aus Licht und Grün, in der die Verfolger wie Schatten zwischen den Wipfeln der Bäume herabzufallen scheinen. Am Ende sind die beiden mitten in der Bewegung gefangen, eingezäunt von Hunderten von Bambusspeeren, als seien all die Flugbahnen mit einem Mal zur Form erstarrt.

          "House of Flying Daggers" ist ein einziges Spiel von Formen und Farben, in denen alles, was in der Geschichte an Gefühl steckt, zum Ausdruck kommt. Man muß nur Augen dafür haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kapazitätserhöhung in Person: Vanessa Op te Roodt im Labor in Ingelheim

          Immer mehr Corona-Tests : Deutschlands Labore sind am Limit

          Die Labore in Deutschland werten immer mehr Corona-Tests aus und verdienen gut daran. Doch nun schlagen Laborärzte Alarm: Noch mehr Untersuchungen seien unmöglich. Muss die Teststrategie geändert werden?
          Der belgische Premierminister Alexander De Croo informiert die Bürger nach den Beratungen über verschärfte Corona-Maßnahmen am Freitagabend.

          Corona-Spitzenreiter : Belgien scheut den Lockdown

          Belgien hat die höchste Infektionsrate in Europa. Die Maßnahmen werden verschärft, aber einen Lockdown wird es vorerst nicht geben. Aus Sicht von Fachleuten ist das viel zu wenig.
          Der republikanische Senator Lindsey Graham spricht am 17. Oktober auf einer Wahlkampfkundgebung

          Senatswahl in Amerika : Die Angst der Republikaner

          Können die Demokraten Weißes Haus, Repräsentantenhaus und Senat in ihre Hand bringen? Die Republikaner fürchten den Verlust ihrer Mehrheit, weil sogar einst sichere Sitze in Gefahr sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.