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Kino : Die Meisterschaft der Frauen

Sie müssten leider draußen bleiben: Frauen dürfen in Iran nicht ins Fußballstadion Bild: Movienet

Zum Brüllen und zum Fürchten zugleich: In „Offside“ versucht eine Gruppe junger iranischer Frauen, ins Fußballstadion zu kommen. Und wird aufgegriffen. Jafar Panahis Film zeigt den Irrsinn der Geschlechtertrennung in Iran.

          4 Min.

          „Schau mich an“, sagt der Mann zu dem Mädchen hinter dem Gitter, „damit ich dein Gesicht sehen kann.“ Und sie gehorcht. Aber vorher dreht sie sich kurz zur Wand, hebt etwas Schwarzes auf, wickelt es um ihre Haare, ihren Körper - es ist ein Tschador. Und plötzlich ist das Mädchen ein anderer Mensch. Eine Stunde lang war sie ein ganz normaler Fußballfan mit T-Shirt und Mütze, der sich die Farben seiner Mannschaft auf Nase, Kinn und Wangen gemalt hat: Grün-Weiß-Rot, die Nationalfarben Irans. Jetzt sieht sie so aus, wie die iranischen Revolutionswächter sie sehen wollen: statuenhaft, unkenntlich, anonym. Der Mann, der ins Stadion von Teheran gekommen ist, um nach seiner Tochter zu suchen, fragt die Vermummte aus, und sie gibt Antwort, gehorsam, demütig, wie es sich für ihresgleichen gehört.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Jafar Panahis „Offside“ durchbricht diese Szene die bis dahin beinahe heitere, komisch-absurde Stimmung des Films. Sie zeigt, worum es wirklich geht in diesem Spiel um Fußball, Frauen, Blicke und Verbote: um den Anspruch des fundamentalistischen Islam, die eine Hälfte der Menschheit optisch zum Verschwinden zu bringen. Frauen sollen nicht wie Frauen aussehen - und nicht ansehen, was für Männeraugen bestimmt ist. Zum Beispiel Fußball. Seit sechsundzwanzig Jahren haben weibliche Wesen in Iran Stadionverbot, ein halbherziger Versuch des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, die Fußball-Apartheid aufzuheben, wurde von den religiösen Führern postwendend kassiert.

          Geschlechtertrennung im Belastungstest der Wirklichkeit

          Die Größe von Panahis Film besteht nun nicht darin, daß er den Widersinn dieses Verbots, der für jedermann offensichtlich ist, szenisch ausbreitet. Auch das tut er. Aber er tut noch mehr. Er nimmt das Verbot ernst, ernster vielleicht, als es sich selber nimmt. Er erfindet einen Trupp Soldaten, Rekruten ländlicher Herkunft, die über seine Einhaltung wachen sollen. Und eine Gruppe junger Frauen, großstädtisch, selbstbewußt, redegewandt, die es brechen wollen und dabei aufgegriffen werden.

          In „Offside” versuchen sie es trotzdem - als Männer verkleidet
          In „Offside” versuchen sie es trotzdem - als Männer verkleidet : Bild: Movienet

          Er sperrt die Frauen in ein improvisiertes Gatter am Stadionrand, postiert die Soldaten als Aufpasser darum herum und stellt die Geschlechtertrennung auf die Probe der Wirklichkeit, ein Fußballmatch lang. Und siehe da: Sie funktioniert nicht. Sie bleibt wirkungslos, weil sie die Frauen nicht davon abhält, Fußball zu gucken, zu fluchen und zu brüllen wie Männer, und die Männer nicht daran hindert, die Frauen anzugucken. Am Ende ist das Verbot tot, wenigstens im Binnenraum dieses Films. Es verpufft, es verflüchtigt sich im allgemeinen Freudentaumel, in der Begeisterung über das gewonnene Match.

          Es ist zum Brüllen und zum Fürchten zugleich

          Eine alte Weisheit des Kinos lautet, Komödie sei Tragödie plus Zeit. Im Fall von „Offside“ umfaßt diese Zeit jene neunzig Minuten, die die iranische Nationalmannschaft benötigte, um das Qualifikationsspiel zur Fußballweltmeisterschaft gegen Bahrain am 8. Juni des vergangenen Jahres mit 1:0 zu gewinnen. Das Tor fällt in Panahis Film genau in dem Augenblick, als der arg- und ahnungsloseste der Soldaten mit einer der sechs jungen Frauen, die sein Trupp bewachen soll, in der Stadiontoilette steht, wohin er sie begleitet hat. Damit das Mädchen im Männerklo nicht erkannt wird, mußte es sich ein Spielerposter von Ali Karimi mit eingerissenen Sehschlitzen vors Gesicht binden. Nun aber soll es sich auch noch die Augen zuhalten, denn: „Da sind schmutzige Sprüche, für Frauen nicht geeignet.“ - „Wie soll ich pinkeln, wenn ich nichts sehen kann?“

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