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Kino : Die kalte See: "Open Water", ein Film von Chris Kentis

In den digitalen Innovationsschüben der letzten Jahre ist ein wenig in Vergessenheit geraten, daß auch der Katastrophenfilm einmal ein Genre war, das von wirklichen Menschen erzählte. Der Erfolg von „Titanic“ hat es wieder in Erinnerung gebracht, „Open Water“ tut nun ein gleiches.

          Ein junges Paar, Susan und Daniel, verbringt ein paar Tage in der Karibik. Der Höhepunkt der Reise ist ein Tauchgang im offenen Meer. Ein Boot bringt die beiden zusammen mit einer Gruppe anderer Urlauber hinaus, die Taucher steigen ins Wasser, der Bootsmann führt eine Strichliste, um sicherzugehen, daß alle wieder an Bord kommen. Durch ein Mißgeschick verzählt er sich. Susan und Daniel haben sich währenddessen ein Stück weit von der Gruppe entfernt, sie schauen Muränen und kleinen Haien zu. Oben steigen die letzten Taucher ins Boot. Der Motor wird angelassen, die Urlauber kehren zurück zum Hafen. Als Susan und Daniel wieder auftauchen, stellen sie fest, daß sie allein sind.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gibt Filmbilder und -geschichten, die sich, durch eine Art Selbstreinigung des Gedächtnisses, nach dem Kinobesuch rasch wieder verflüchtigen, die man ebenso schnell vergißt, wie man sie aufgenommen hat. Die Geschichte, die der Film "Open Water" erzählt, und die Bilder, mit denen er sie erzählt, gehören nicht dazu. Dieser Film hat die Kraft eines Albtraums, an den man noch Tage später mit einem dumpfen Schaudern zurückdenkt. Und doch ist man froh, daß man ihn gesehen hat, denn er spricht eine einfache und nüchterne Wahrheit aus, die zwischen den Bildern zutraulicher Tiere und farbenfroher Pflanzen im Fernsehen wie in den kindgerechten Animationsfilmen a la "Nemo" immer wieder verlorengeht. Sie lautet: Wir sind allein. Im Meer, unter dem blauen Himmel, in der Natur. Wenn das letzte Boot abgefahren ist, bleibt nur die Hoffnung, daß das Vergessensein nicht ewig dauert.

          In diesem Zwischenraum der Hoffnung spielt "Open Water". Es ist heller Mittag, und Susan und Daniel sehen am Horizont andere Urlauberboote vorüberfahren, fast in Rufweite und doch unerreichbar. Dann wird es still. Ein paar Meter entfernt ragt eine Rückenflosse aus dem Wasser. "Bleib ganz ruhig. Er greift nur an, wenn du dich bewegst." Der Hai umkreist das Paar, dann taucht er ab. Daniel hat ein Messer dabei. Susan hat Durst. Für den Abend ist ein tropisches Gewitter angekündigt. "Und wir haben auch noch dafür bezahlt."

          Chris Kentis, der Regisseur des Films, hat "Open Water" mit seiner Frau und Produzentin Laura Lau und den Schauspielern Blanchard Ryan und Daniel Travis für einen Bruchteil des Budgets einer kleineren Hollywoodproduktion gedreht. Kentis hatte kein Geld für Stars, für Spezialeffekte, für Stuntleute und Statisten; selbst die Arbeit mit klassischen Filmkameras ließ sein Kreditrahmen nicht zu. Und genau darin liegt der ästhetische Vorsprung von "Open Water". Der Film hat gar keine Zeit, sich mit dem Look, der Ausstattung, der musikalischen Untermalung seiner Szenen zu befassen, er muß immer gleich zum Punkt kommen. "Open Water" wurde tatsächlich im offenen Meer gedreht, die Schauspieler ließen sich nicht doubeln, und auch die Haie, die man sieht, sind echt - so echt wie die Geschichten über im Meer vergessene Taucher, die in das Drehbuch einflossen. Dennoch ist "Open Water" kein Reportagefilm, kein überlanger Beitrag für Spätabendserien a la "Die schlimmsten Tauchunfälle". Dazu sind seine mit Digicam aufgenommenen Bilder zu unrhetorisch, seine Perspektiven zu nah, seine Regieeinfälle - Susan wird von einer Qualle gestreift; ein Tanker zieht geruhsam vorbei, ein Sportflugzeug röhrt durch das Himmelblau; eine Bohrinsel, letzter Strohhalm des Überlebens, wird in der Ferne sichtbar - zu unspektakulär. Es ist, mit aller Vorsicht gesagt, ein philosophischer Horrorfilm. Die Situation, in die er seine Protagonisten hineinstößt, rührt an tiefe Ängste aus der Kindheit, an die Furcht, verlassen, vergessen, dem Unbekannten ausgeliefert zu werden, nicht mehr nach Hause zu kommen, unbemerkt verlorenzugehen. Aber weil die Verlassenheit im offenen Meer eine so grenzenlose ist, weil sie dem Alleinsein in der Wüste oder im leeren Weltall gleicht, schärft sie auch den Blick für die menschliche Würde gerade im Angesicht des Todes.

          Kurz vor Schluß, während die Rettungsaktion des Küstenschutzes schon im Gange ist, trifft Susan in scheinbar aussichtsloser Lage eine Entscheidung, die kein Tier zu treffen imstande wäre, und es ist dieser Entschluß, der die Geschichte erst unvergeßlich macht, weil er die naturgegebene Logik, den Mechanismus der Instinkte, auf spektakuläre Weise durchbricht. In Kevin Macdonalds Film "Sturz ins Leere", der vom Überlebenskampf zweier Bergsteiger in den den Anden berichtet, gab es einen ähnlichen Moment der Selbstüberwindung, als einer der beiden Kletterer beschloß, sich seinen Weg aus der Gletscherspalte, in die er gestürzt war, nicht nach oben, zum Licht hin, sondern nach unten und ins eisige Dunkel hinein zu bahnen.

          Es sind solche Augenblicke, um derenwillen man ins Kino geht, um sich Geschichten von Haien und Quallen und Andengipfeln erzählen zu lassen. Denn in den Kräften der Fauna und des Wetters, um deren dämonische Aufladung sich die Horror- und Actionfilme durchschnittlicher Machart immer wieder bemühen, in aufgesperrten Rachen und donnernden Lawinen, liegt in Wahrheit nichts Erschütterndes, sie folgen nur ihrer Natur; es liegt alles in den Individuen, die sie erleiden. In den digitalen Innovationsschüben der letzten Jahre ist ein wenig in Vergessenheit geraten, daß auch der Katastrophenfilm einmal ein Genre war, das von wirklichen Menschen erzählte. Der Erfolg von "Titanic" hat es wieder in Erinnerung gebracht, und auch "Open Water" dürfte am Ende seinen Anteil daran haben, daß dem Kino der Untergänge und nassen Tode ein Rest von Bodenhaftung bleibt.

          Manche Filme kann man an den körperlichen Reaktionen erkennen, die sie auslösen. Nach Steven Spielbergs "Weißem Hai" hatte man eine Zeitlang keine Lust mehr, im Meer schwimmen zu gehen; das Gefühl, von dort unten beutegierig angestarrt zu werden, war übermächtig. Nach "Open Water" spürt man nichts dergleichen. Man schaut nur mit anderen, wacheren Augen auf die Wellen. Und man nimmt sich vor, beim Tauchen im tiefen Wasser auf jeden Fall bei der Gruppe zu bleiben. Alles andere wäre sträflicher philosophischer Leichtsinn.

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