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Kino : Die Hölle, das ist der Alltag

  • -Aktualisiert am

Die Geburt der Actionheldin aus dem Urschlamm des Horrors: Sam Raimis Film „Drag me to hell“ inszeniert das alltägliche Grauen nach einfachstem Rezept. Alles Böse lauert da, wo man es auch erwartet.

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          Als Erstes sieht man das alte Universal-Logo - eine Erinnerung an jene Tage, als Sam Raimi in den frühen Achtzigern das Horrorkino gleichermaßen mit Slapstick-Komik und Splatter anreicherte. Das Resultat waren wilde, anarchisch-unbändige Filme („The Evil Dead“), die dieses Genre in die allgemeine Wahrnehmung zurückkatapultierten. Daran knüpft Raimi nun nach Ausflügen ins Mainstreamkino der „Spider Man“-Filme an. „Drag me to hell“ ist ehrlich, klar, geradlinig, ein gewissermaßen unschuldiger Film, der sich nostalgische Reminiszenzen an „Exorcist“ und „Halloween“ erlaubt, damit ein bewusstes Gegenprogramm zum unironischen Prolo-Horror à la „Hostel“ und „Saw“ formuliert und trotzdem ganz aus unserer Zeit ist: schnell, kühl durchdacht und ein bisschen zu klug, um einen ganz mitzureißen.

          Christine Brown ist Bankerin in Los Angeles. Sie hat einen harten Chef, einen intriganten Kollegen und die Aussicht auf einen Karrieresprung. Christine ist vor allem für die Kreditvergabe zuständig. Oft genug macht sie damit Leute glücklich, doch eines Morgens hat sie eine überaus unangenehme Aufgabe: Einer alten Frau, die schon mehrfach mit Zahlungen säumig war, verweigert sie die Kreditverlängerung. Christine hat gute Gründe dafür, aber wir Zuschauer wissen auch, dass sie das vor allem macht, um den Chef zu beeindrucken. Christines schlechtem Gewissen folgt die Strafe. Die Alte, schon zuvor mit braunen Fingernägelkrallen und einem gelben Gebiss recht ekelig inszeniert, ist eine Hexe und bedeckt Christine mit einem Fluch. Ihr Alltag wird zur Hölle.

          Hinterhöfe des American Dream

          Es wäre sinnlos, sich mit den metaphysischen Voraussetzungen von „Drag me to hell“ lange aufzuhalten. Es gibt eben das Böse und den Teufel, Geister und Flüche, und Menschen können schon mal vom Erdboden verschluckt werden. Interessant ist, wie Raimi das in unseren modernen Alltag übersetzt. Denn obwohl das Script bereits vor zehn Jahren entstand, ist hier alles aktuell: Die propere Blondine Christine sieht aus wie frisch einer Businessschool entsprungen und repräsentiert in ihrer Mischung aus Gutgläubigkeit, Ehrgeiz und Sturheit einen Finanzkapitalismus ohne Menschlichkeit.

          Raimi gibt dem auch eine gewisse psychologische Grundierung, indem er Christine eine hässliche Vergangenheit zuschreibt. Sie ist ein früher pummeliges Provinz-Girl aus kleinen Verhältnissen, die Mutter Alkoholikerin. Durch die nicht ganz angemessene Härte gegen die arme Alte verabschiedet sie auch diese Herkunft. So wird der Film jenseits aller Satire auch zur Konfrontation des sauber-korrekten American Dream mit seinen schmutzigen, dreckigen Hinterhöfen.

          Im satanischen Urschlamm

          „Drag me to hell“ ist in jeder Hinsicht ein schlichter Film, gerade darin liegt sein Reiz. Denn diese Schlichtheit ist sehr wirkungsvoll inszeniert. Der Horror kommt nach einfachstem Rezept. Nach einer Ruhephase setzt betont bedrohliche Musik ein, gefolgt vom Lärm irgendwelcher Alltagsgegenstände, Türenknarren, Fensterschlagen im Wind und vielleicht einigen unangenehmen, eher ekeligen als schockierenden Bildern, alles möglichst kurz geschnitten, dann folgt wieder Ruhe. Man ist als Zuschauer selbst erstaunt, welche Wirkung diese primitiven Tricks entfalten können.

          Nicht viel subtiler ist auch die Inszenierung des Satanischen über Kleidung und Aussehen: Osteuropäer, Zigeuner zumal, tragen das Böse in die Welt, Asiaten kann man so wenig trauen wie Yuppies, zu grell geschminkte Mädchen sollten ebenso Verdacht erwecken wie Punks. Doch der Teufel wartet auch im Auto oder kommt durchs Mobiltelefon. In dieser Belebung unserer Alltagsgegenstände wird der Film mitunter zur reinen Komödie.

          Dass er auch anders kann, hatte Raimi bereits in der so großartigen wie lustvollen Vorspannsequenz demonstriert, in der er zu den Darstellernamen schwarze Bildmotive aus der Kulturgeschichte des Satanismus vor weißer Wand in Bewegung versetzt. Schließlich lohnt sich der Film wegen einiger atemberaubender Szenen - etwa Christines Kampf mit dem Dämon in einem Parkhaus - und wegen Jungstar Alison Lohman in der Hauptrolle. Wenn sie irgendwann bei strömendem Regen auf einem Friedhof ein Grab ausbuddelt und mit einer Leiche kämpft, die sich selbständig macht, ist aus satanischem Urschlamm eine neue Actionhorrorheldin geboren.

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