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Kino : Die großen Diebe in ihren tollkühnen Kleinwagen: "The Italian Job"

Vor mehr als dreißig Jahren gab es den Film „The Italian Job“ schon einmal, eine englische Gaunerkomödie von Peter Collinson. Das Remake von F. Gary Gray spielt nicht mehr in Turin, sondern in Venedig und Los Angeles und läßt an Rasanz kaum etwas zu wünschen übrig.

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          Vor nicht allzu langer Zeit bemerkte ein konservativer amerikanischer Senator angesichts einiger aktueller Kleinwagenmodelle aus Europa, diese Vehikel verstießen gegen die Menschenwürde. Sie lösten Klaustrophobie aus, böten viel zuwenig Kofferraum für Wochenendausflüge, und außerdem könne man mit ihnen leicht unter die Räder größerer, amerikanischer Wagen kommen. Womit der Mann, denkt man an die neuen, stahlgepanzerten Großraumjeeps der "Sports-Utility-Vehicle"-Sorte, die sich pestilenzartig auch in deutschen Städten ausbreiten, nicht ganz unrecht hatte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Man würde gern wissen, was der Senator den Schauspielern Mark Wahlberg, Charlize Theron und Jason Statham geraten hätte, die sich bei den Dreharbeiten zu F. Gary Grays Film "The Italian Job" in MiniCooper-Autos zwängen und mit ihnen durch die Kanalisation von Los Angeles rasen mußten. Vermutlich hätte er ihnen erklärt, Geld stinke nicht, auch wenn es am Steuer von Kleinwagen verdient werde, und damit den kommerziellen Pragmatismus des Film ziemlich genau auf den Punkt gebracht. Denn auch "The Italian Job" verdient sein Geld auf eine grundsolide, wenn auch nicht völlig anständige Weise, mit Verfolgungsjagden, geklauten Millionen, einer Geldschränke knackenden Blondine, dummen und schlauen Gangstern - und mit den Ideen und Requisiten eines alten europäischen Films, den (wenigstens bei uns) keiner mehr kennt.

          Vor vierunddreißig Jahren war "The Italian Job" eine englische Gaunerkomödie von Peter Collinson, mit einem rauhbeinigen Michael Caine, einem virtuosen Noel Coward und einem sehr italienischen Raf Vallone. Die Geschichte spielte in Turin, was Gelegenheit zu antikontinentalen Scherzen ("Denkt daran: in diesem Land fahren sie auf der falschen Straßenseite!") und viel farbenfroher Italianita gibt; und so, wie die Mini Coopers der Geldräuber durch das piemontesische Verkehrschaos hüpften, steuerte auch Collinsons Film zwischen den Vorgaben des Genres hindurch, flink, frech, mit ein paar überraschenden Drehungen und Tricks. Ein Satz aus "The Italian Job" - "Du solltest nur die verdammten Türen wegblasen!" - wurde jüngst in England zum besten Film-Bonmot aller Zeiten gewählt, wer weiß, warum. In Deutschland, wo der Film beim Start einen der damals üblichen Verleihtitel verpaßt bekam ("Charlie staubt Millionen ab"), weiß es jedenfalls niemand.

          F. Gary Grays Remake geht, wie viele Wiederholungen von Krimistoffen, hinter die Vorlage ein paar Schritte zurück, während es sie gleichzeitig rasant überholt. Der Film spielt beispielsweise nur zu einem Drittel in Italien, dann aber gleich in Venedig, wo die Verfolgungsjagden per Boot spektakulärer, die Kulissen noch malerischer sind; es gibt eben ein paar Dinge, die man in Las Vegas vorerst noch nicht nachstellen kann. Diese erste halbe Stunde ist auch deshalb die beste, weil Donald Sutherland als John Bridger noch mit dabei ist, dessen Tod durch Verräterhand dann den dramaturgischen Impuls für die restlichen siebzig Minuten des Films liefert. Die spielen in Los Angeles, wo es noch viel mehr Verkehrschaos, aber deutlich weniger städtisches Leben gibt als in Turin. Gray und seine Drehbuchautoren Wayne und Donna Powers kompensieren diesen Mangel teilweise, indem sie Bridger eine Tochter andichten, Stella (Charlize Theron), die als Safeknackerin für Sicherheitsfirmen tätig ist, bevor sie die Seiten wechselt. Stella arbeitet vorzugsweise in Unterwäsche, angeblich, weil sie sich dann besser konzentrieren kann. Man hat schon glaubwürdigere Begründungen dafür gehört, daß eine schöne Frau sich im Kino ausziehen muß.

          Die Rolle von Michael Caine spielt in Grays Remake Mark Wahlberg, und das ist das größte Manko des neuen "Italian Job". Denn Wahlberg, dessen kaugummihafte Aura in "Boogie Nights" genau richtig war, hat hier ungefähr soviel kriminelle Energie wie ein lasergestütztes Sicherheitssystem, was seinen Rachefeldzug gegen den Verräter Steve zu einer zähen Angelegenheit macht. Dieser wiederum, gespielt von dem genialen Edward Norton, ist ein Schandmaul von Rang, kommt aber leider viel zu selten ins Bild. Es gibt also manche Schieflage in "The Italian Job", und wenn man den Film trotzdem ganz gern anschaut, liegt das vor allem an den virtuosen kleinen Einlagen, den Variationen klassischer Krimimuster, die Gray sich leistet und auf die die Geschichte in Wahrheit auch hingeschrieben ist. Da fällt ein Safe durch zwei aufgesprengte Stockwerke eines venezianischen Palazzos in einen Stichkanal, wo er von Tauchern aufgeschweißt wird; ein Kleinbus stürzt im Kugelhagel in einen Alpensee, und die Insassen überleben mit Hilfe einer Sauerstoffflasche auf dem Grund; ein Mini Cooper und ein Helikopter duellieren sich in einem Parkhaus, wobei der Hubschrauber seinen Rotor als Waffe einsetzt.

          Die Kinetik stimmt in "The Italian Job", die Charakterzeichnung nicht; daran ändern auch die vielen Nebenfiguren nichts, die das Geschehen ethnisch ausbalancieren und filmisch in die Länge ziehen. Endgültig auf der sicheren Seite ist der Film erst, als die Helden in ihre Kleinwagen steigen, um sich mit dem geraubten Gold davonzumachen. Schon wahr, daß man in Hollywood die größeren filmischen Vehikel baut; aber im Ernstfall geht doch nichts über ein schmales, flottes und wendiges europäisches Auto.

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