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Kino : Die Giganten

Für Kameramann Michael Ballhaus ist es Martin Scorseses größter Film: In Boston dreht der Regisseur „The Departed“ mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon und Jack Nicholson. Ein Setbesuch von Verena Lueken.

          Der Schemen ist nicht sofort zu identifizieren, aber die Stimme erkennt man auf der Stelle: „Cops or criminals“, doziert Jack Nicholson sonor und ein wenig verschleppt, als gebe er eine außerordentlich bedeutsame Information weiter, „when you are facing a loaded gun“ - hier macht er eine Pause, während sein Schemen sich weiter von links nach rechts bewegt und schließlich den Kopf ins Licht dreht, so daß er uns direkt anblickt und wir auch sein Gesicht erkennen können - „what's the difference?“ Die Augenbrauen bewegen sich in Richtung Haaransatz, das Kinn neigt sich, dann kommt ein Schnitt, und der Trailer für Martin Scorseses neuen Film „The Departed“ nimmt seinen Lauf.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ein Mann fällt vom Dach, Bewaffnete laufen umher, Scheiben werden zerschossen. Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Mark Wahlberg, Martin Sheen, sie alle rennen oder sitzen, lassen sich verprügeln oder ducken sich in dunkle Ecken, ziehen ihre Pistolen, umarmen ihre Freundinnen, wie das so geht in den Zusammenschnitten, die das Publikum auf einen Film einstimmen sollen, den es erst viel später wird sehen können. Aber im Gedächtnis steckt wie ein verkanteter Pfahl Jack Nicholsons genrephilosophische Belehrung: „Bullen oder Kriminelle, was ist schon der Unterschied, wenn eine geladene Waffe auf dich gerichtet ist?“ Darum wird es gehen in diesem Film: Wer ist wer, und kommt es darauf an?

          Das Team im Regen

          Bei einem Besuch der Dreharbeiten im vergangenen Sommer in Boston, wo der Film spielt, war diese Szene längst abgehakt und Jack Nicholson - der zum ersten Mal in einem Scorsese-Film mitspielt und seine Rolle in Zusammenarbeit mit dem Regisseur und dem Drehbuchautor William Monahan noch am Set um einiges mächtiger gestaltet hat als vorgesehen -, schon wieder irgendwo anders unterwegs. Es war in jener Woche einige Tage außergewöhnlich naß und kühl und dann plötzlich unerträglich heiß. Beides kann das Filmteam nicht gebrauchen. Gegen die Sonne, die einen Film, der düster werden soll wie dieser, zu freundlich beleuchtet, spannt der Kameramann Michael Ballhaus auf Hochhausdächern gebrochen weiße Seidensegel, die die gesamte Szene überdecken. Gegen Nässe, Kälte und Wind hilft nur Regenkleidung für Extremsportler. Die Schauspieler, die Lederjacken oder Anoraks und häufig Stiefel als Kostüm tragen, leiden in der Hitze, das Team im Regen. Die Neugierigen, die trotz aller Versuche, die Drehorte geheimzuhalten, überall pünktlich zur Stelle sind, erweisen sich hingegen als wetterresistent.

          Charlestown, eine Arbeitersiedlung im Süden Bostons in unmittelbarer Nähe des Flusses und einer Eisenbahnbrücke, unter der eine Szene spielt, in der ein Auto heranfährt und Leonardo DiCaprio verprügelt wird, ist das Viertel, in dem Mark Wahlberg aufgewachsen ist - von ihm geht das Gerücht, er habe seinen drei Assistenten jeweils einen Bentley gekauft. Ein solcher steht jedenfalls hier im Schlamm und wird naß. Es ist ein ärmliches Viertel mit Häusern, die aussehen, als seien vor hundert Jahren ein paar Sperrholzwände aneinandergenagelt und diesem Kasten ein Giebel aufgesetzt worden, mit Vorgärten, in denen rostige Autos stehen, und klapprigen Gartenmöbeln zwischen überwucherten Beeten.

          Mittagessen mit Martin Sheen

          Obwohl der Regen kübelweise niedergeht, haben sich zahlreiche Bewohner, die Frauen in großem Make-up und kleinen Shorts, zur Gartenarbeit oder zum Ballspiel mit den Kindern versammelt, in der Hoffnung, einen Blick auf DiCaprio oder Damon oder Wahlberg auf dem Weg zum Lunchzelt zu erhaschen, das irgendwo auf einem freien Rasenplatz aufgebaut ist. Doch die Stars gehen natürlich nicht zu Fuß, und sie kommen auch nicht ins Zelt, sondern werden in Limousinen zu ihren Wohnwagen kutschiert. Die durchnäßten Anwohner müssen mit Martin Sheen vorliebnehmen, der DiCaprios ehrlichen Kontaktmann bei der Polizei spielt und der von den Darstellern am Drehort der beliebteste ist, allürenlos, jovial, publikumsfreundlich. Sheen bleibt der einzige, der mit dem Team zum Mittagessen geht - genau sechs Stunden nach Arbeitsbeginn, die Gewerkschaften sind streng. Jack Nicholson, so heißt es, war Mitarbeitern und ungebetenen Zaungästen gegenüber weniger aufgeschlossen.

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