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Kino : Die Finnenwelt der Außenwelt

In Aki Kaurismäkis neuem Film „Lichter der Vorstadt“ wird ein unschuldiger Wachmann von seiner Angebeteten ins Gefängnis gebracht. Sein tristes Leben spielt in verlassenen Straßen und Kneipen. Frostiger und menschenleerer kann man so ein Dasein nicht einfangen.

          4 Min.

          Koistinen ist Wachmann in Ruoholahti, einem Neubauviertel von Helsinki. Am Anfang sieht man ihn auf einer endlosen Rolltreppe fahren, eine geduckte Gestalt zwischen Betonwänden, allein in einer kalten, leeren Welt. Dann kommt er in die Wachzentrale, aber auch hier ist er nicht zu Hause, die Kollegen reißen Witze über ihn, am Tisch in der Kneipe gibt es für Koistinen keinen Platz. Er geht in eine Bar, spricht ein Mädchen an, doch sie wendet sich ab, ein Mann drängt ihn zur Seite, ein anderer rammt ihm eine Toilettentür in den Bauch. Koistinens Tag endet an einer Grillbude, wo er drei Würstchen hinunterschlingt. Dann macht die Bude zu. Und am Nachthimmel kein Stern.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Koistinen einen Loser zu nennen wäre eine Übertreibung. Er ist noch nicht einmal das: ein Verlierer, ein Kämpfer, der zu Boden ging. Koistinen, dessen Vorname anscheinend auf dem Postweg verlorengegangen ist, hat nie gekämpft. Selbst als Antiheld wäre er eine Fehlbesetzung. Eben deshalb ist er der ideale Held für Aki Kaurismäkis Film. „Lichter der Vorstadt“, sagt Kaurismäki, sei der Abschluß einer vor zehn Jahren mit „Wolken ziehen vorüber“ begonnenen Trilogie - als gäbe es unter den fünfundzwanzig Kurz- und Langfilmen, die er seit 1981 gedreht hat, so etwas wie eine zwangsläufige Struktur, eine innere Entwicklung.

          Jenseits von Helsinki

          Dabei ist das einzige, was sich bei Kaurismäki seit „Schatten im Paradies“ (1986) wirklich geändert hat, die Besetzung der Hauptrollen. 1995 ist sein Lieblingsschauspieler Matti Pellonpää mit vierundvierzig Jahren gestorben. Das teilt Kaurismäkis Werk in Filme vor und nach Pellonpää. Pellonpää war ein Hüne, Janne Hyytiäinen, der Darsteller des Koistinen, ist eher klein und gedrungen; die Schläge, die er einsteckt, kommen nicht nur im metaphorischen Sinn von oben. Ansonsten ist alles beim alten in Kaurismäkiland. Auch Kati Outinen, das „Mädchen aus der Streichholzfabrik“, ist wieder da; in „Lichter der Vorstadt“ spielt sie eine Nebenrolle als Supermarktkassiererin.

          Und dennoch ist dieser Film ein Abschied. Man sieht es schon an den ersten Bildern der Geschichte, Einstellungen aus einem Neubaugebiet zwischen Helsinki-City und Helsinki-Hafen: leblose Straßen, Fassaden aus Glas und Stahl; Parkplätze, Shopping Malls, Kneipen wie aus dem Katalog. Frostiger, menschenleerer geht es bei Kaurismäki nicht. Selbst der Hafen, Fegefeuer des Fernwehs und Zuflucht der Heimatlosen in allen Kaurismäki-Filmen, bietet keinen Trost mehr; unter dem Blick der Kamera, die ihn aus weiter Ferne abschwenkt, liegt er wie ein Ort von einem anderen Stern da, bleiern und abweisend. Dafür leuchten die von den Vorstadtlichtern angestrahlten Räume in allen Eisfarben, in giftigem Rot, Gelb und Blau, vor denen man hier tatsächlich Angst bekommen kann, in Neongrün und Niemandsrosa.

          Von sich aus schöne Bilder

          Daß die Bilder in Kaurismäkis Filmen „kaum etwas für sich“ hätten, daß ihr ästhetischer Eigenwert nicht über ihre Funktion in der Geschichte hinausgehe, schreibt Harun Farocki in einem klugen und dichten Aufsatz für einen vor kurzem erschienenen Kaurismäki-Sammelband (Bertz + Fischer, 19,90 Euro), aber das gilt nicht mehr für „Lichter der Vorstadt“. Hier sind die Bilder von sich aus schön, sie wirken wie Studien für ein Fotobuch über das neue Helsinki, aber ihre Schönheit ist ein Schimmer aus dem Totenreich.

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