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Kino : Die Dinge des Lebens

Terroristin und Rabenmutter - Szene aus „Die besten Jahre” Bild: Ventura

Dem Italiener Marco Tullio Giordana gelingt, woran Edgar Reitz mit seiner „Heimat“ letztlich gescheitert ist: Geschichte als Familiengeschichte zu erzählen - bis in die kleinste Farbnuance, den Buchtitel im Regal, die Mode.

          Dieser Film hat einen sachten Gang. Er tritt so leise auf, daß es eine Weile dauert, bis man begreift, wie weit er den Bogen spannt, wieviel und wie vieles er erzählen will.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Rom 1966: Zwei Brüder machen Examen. Der eine, Matteo, studiert Literatur, der andere, Nicola, Medizin. Beide haben lange Haare, beide gehen abends in die Tanzlokale am Tiber, beide hungern nach ersten sexuellen Erfahrungen.

          Sechs Stunden Film

          Durch einen Studentenjob in einem Sanatorium lernt Matteo die autistische Giorgia kennen. Er führt sie spazieren, fotografiert ihre Hände, schließlich holt er sie nachts aus der Heilanstalt und macht sich mit ihr und Nicola auf die Suche nach Giorgias Eltern.

          Sie kommen in ein Bergstädtchen im Apennin, dann nach Ravenna, wo das Mädchen am Bahnhof von Polizisten aufgegriffen wird. Die Brüder trennen sich, Nicola fährt nach Norwegen, während Matteo, der sein Examen verpatzt hat, nach Rom zurückkehrt und sich zum Militärdienst meldet. Das ist, knapp zusammengefaßt, der Inhalt der ersten von sechs Stunden, die Marco Tullio Giordanas Film "Die besten Jahre" dauert.

          Die Macht der Festivals

          Die Geschichte klingt nicht nach Fernsehen, sie klingt nach Kinomelodram, und doch ist "La meglio gioventu", so der Originaltitel, zuerst eine Fernsehserie gewesen, ein Vierteiler für das italienische Staatsfernsehen RAI.

          Daß der Film in halb Europa im Kino lief und nun auch bei uns auf die Leinwand gelangt, verdankt er dem Filmfestival von Cannes, wo er 2003 den Sonderpreis der Nebenreihe "Un Certain Regard" bekam. Wenn es noch eines Beweises für die Macht der Festivals bedarf, ist es die Entdeckung von Giordanas Film, der alle Vorurteile über die angeblich schlechteren Produktionsbedingungen des Fernsehens und die Schere im Kopf seiner Regisseure widerlegt.

          Eine Familiengeschichte als Epochengeschichte

          "Die besten Jahre" ist, was noch keiner deutschen Fernseh- oder Kinoproduktion gelang: eine Chronik der vergangenen Jahrzehnte in erzählerischer Form, eine Familien- als Epochengeschichte.

          Edgar Reitz hat das, nach dem Erfolg seiner ersten "Heimat", in seinen Fortsetzungsepen über die sechziger und neunziger Jahre vergeblich versucht, der Italiener Giordana hat es geschafft.

          Auf zwei Gleisen durch die Jahrzehnte

          Das Rückgrat des Films ist die Parallelgeschichte der beiden Brüder, die sich nach ihrer Trennung in Abständen immer wieder begegnen: im November 1966 in Florenz, wo Nicola (Luigi Lo Cascio) als freiwilliger Helfer, Matteo (Alessio Boni) als dienstpflichtiger Soldat die Schätze der von der Jahrhundertflut überschwemmten Bibliotheken retten; fünf Jahre später in Turin, wo Matteos Polizeitruppe die aufständischen Studenten niederprügelt, mit denen Nicolas Frau Giulia (Sonia Bergamasco) sympathisiert; zuletzt 1984 in Rom, wohin sich der zunehmend vereinsamte und glücklose Matteo zu einer Antiterroreinheit hat versetzen lassen, während Nicola, dessen Giulia in den Untergrund abgetaucht ist, den Silvesterabend bei seinem Schwager verbringt, der auf der Todesliste der Roten Brigaden steht.

          Die Gefahr eines solchen zweigleisigen Erzählens, das zeitgeschichtliche Bewegungen in private Begegnungen übersetzt, besteht darin, daß die Figuren leicht zu Platzhaltern erstarren, daß ihr Lebensweg irreal, ihr Innenleben austauschbar wird.

          Leerstellen als Kunstgriffe

          Giordana und seine Drehbuchautoren Sandro Petraglia und Stefano Rulli haben sie souverän vermieden. Im Zweifelsfall nämlich ziehen sie das Private immer dem Historischen vor. Das Geschehen im Vordergrund ist wichtiger als die Geschichte dahinter.

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