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Kino : Dichterworte als Film: "Poem" von Ralf Schmerberg

  • -Aktualisiert am

Wer Literaturverfilmungen scheut, muß sich vor Gedichtverfilmungen geradezu fürchten. Eines ist also gewiß: Der Regisseur Ralf Schmerberg hat Mut. Zu neunzehn Gedichten deutschsprachiger Lyriker hat er in fünfjähriger Arbeit einen aufwendigen, anderthalbstündigen Episodenfilm gedreht.

          Wer Literaturverfilmungen scheut, muß sich vor Gedichtverfilmungen geradezu fürchten. Eins ist also gewiß: Der Regisseur Ralf Schmerberg hat Mut. Zu neunzehn Gedichten deutschsprachiger Lyriker hat er in fünfjähriger Arbeit einen aufwendigen, anderthalbstündigen Episodenfilm gedreht. Für "Poem" ist Schmerberg in den Himalaja, nach Island, Brasilien und Vietnam gereist oder einfach in Berlin geblieben. Die Verse, zu denen er Bilder machten, will er aus Tausenden Gedichten ausgewählt haben, damit auch bestimmt für jeden etwas dabei ist. Allemal erstaunlich, daß jemand, der ein so abseitiges Projekt ausheckt, sich von solchen pragmatischen Erwägungen überhaupt noch leiten läßt.

          Die Probe aufs Exempel bestanden haben durchaus nicht nur Gedichte von der A-Liste der Autoren - Goethe, Schiller, Rilke, Hesse, Jandl, Celan, Kästner, Trakl -, sondern neben Claire Goll und der wunderbaren Mascha Kaleko auch obskure Namen wie Isabel Tuengerthal, Antonia Keinz, Selma Meerbaum-Eisinger. "Poem" beginnt in der Stille der nepalesischen Bergwelt, durch die ein junger Mann seinen alten, gebrechlichen Vater in einem Holzgestell trägt (zu seinem Lama, wie sich herausstellt), und endet mit der geschmetterten "Ode an die Freude" und dem eklig-albernen Zusammenprall zweier Heere von nackten Männern und Frauen.

          Es wäre irreführend, den Film "Poem" als gelungen oder mißraten zu bezeichnen - so grandios einige Vers-Bild-Paarungen sind, so manieriert und verschwiemelt kommen andere daher. Ein Schelm, wer auf die Idee käme, daß just jene kunterbunte Mischung von Stilen und Inhalten garantieren soll, daß alle auf ihre Kosten kommen, auch wenn keiner satt wird. Eins jedoch haben alle neunzehn Inszenierungen gemeinsam: Sie zielen auf den Solarplexus, provozieren Gefühle, wenn nötig, auch negative. Während David Bennent in Ritterrüstung zu Georg Trakls "Morgenlied" theatralisch-bedeutungslos auf der Leipziger Straße in Berlin umherstapft ("Nun schreite herab, titanischer Bursche/und wecke die vielgeliebte Schlummernde dir!"), führt Heiner Müllers "Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen" in einen minimalistischen Showroom für Brautkleider, von denen eins plötzlich Feuer fängt und verbrennt, bevor die Flammen auf die anderen Roben übergreifen - ein atemberaubendes Bild für die begrenzte Haltbarkeit von Liebe. Dann wiederum, als man schon meint, das nervtötende Treiben einer Spießerfamilie zwischen Kindern, Kaninchen und gegenseitiger Beschimpfung keinen Moment länger ertragen zu können, steckt die überforderte junge Mutter (Anna Böttcher) ihren Kopf plötzlich in einen riesigen Luftballon: Stille, endlich. Und da entfaltet Ingeborg Bachmanns "Nach grauen Tagen" einen notärztlich verabreichten Trost: "Eine einzige Stunde frei sein!/Frei, fern!/Wie Nachtlieder in den Sphären./Und hoch fliegen über den Tagen/möchte ich/und das Vergessen suchen..." Hoch oben, aber mit ihren zerschundenen Füßen ganz auf dem Boden der Tatsachen, steht die Tänzerin Marcia Haydee und blickt von einem Balkon über die Copacabana. Else Lasker-Schülers Ode "An den Ritter aus Gold" gerinnt hier zur Lebensbilanz einer Frau im Abseits.

          Keine der Interpretationen jedoch reicht an die packende Ausschließlichkeit von Heines "Schiffbrüchigem" heran, rezitiert von Klaus Maria Brandauer, dessen schwarzweiß ausgeleuchtetes Antlitz die Leinwand füllt: "Alte Erinnerungen wehen mich an,/Vergessene Träume, erloschene Bilder,/Qualvoll süße, tauchen hervor ..." Die Verse von Kästners desolatem "Kleinen Solo" begleitet der schweifende Blick durch kleinbürgerliche Wohnidyllen, vorüber an verstaubtem Nippes, akkurat gestärkten Sofadeckchen und verblaßtem Tapetenglück über Betten, in denen der Schlaf schon lange keine Träume mehr bereithält. Mascha Kalekos "Sozusagen grundlos vergnügt" atmet eine Lebensfreude, die Meret Beckers kindlicher Bühnenauftritt im Fantasiekostüm ganz und gar nicht vermitteln kann, und auch die Bilder von geistig Behinderten, die im Regenmantel Blumen pflücken, wollen nicht recht passen zu Claire Golls "Jedes Opfer tötet seinen Mörder": "Es geht um den Frühlingswind,/Um das Recht ihn zu atmen,/Um das Recht, aufzustehen, schlafen zu gehen,/wann du willst." Eine in ihrer fanatischen Ritualversessenheit gespenstische andalusische Osterprozession versinnbildlicht Paul Celans finstere Verse "bete, Herr./Wir sind nah" ("Tenebrae"). Und Hermann van Veen durchstreift im schwarzen Mantel und mit bedrückter Miene ein verlassenes Haus zu Hans Arps Trauerklage um seine gestorbene Frau "Sophie".

          Manche Gedichte wirken für die Dauer eines Augenblicks, andere ein Leben lang. Sicher läßt es sich ohne Lyrik leben, nur schlechter. Ralf Schmerbergs Film krankt vor allem daran, daß die meisten Menschen nicht gleichzeitig konzentriert schauen und zuhören können. Wer sich auf die Bildsprache einläßt, kann nicht gleichzeitig die Wortnuancen des Gedichts wahrnehmen. So driften Worte und Bilder unweigerlich auseinander. Jene Inszenierungen, in denen das Gedicht und nicht das Geschehen im Vordergrund steht, wirken denn auch viel stärker als solche, die die Verse mit filmischer Aktion zukleistern. Manche Gedichte sind durch künstliche Sprechpausen bis zur Unkenntlichkeit gedehnt, andere werden hastig und überstürzt vorgetragen.

          Dennoch ist es wohltuend, vor der Bilderflut "Poems" die Augen zu schließen und sich zum Klang der Stimmen im Kopfkino eigenen Vorstellungen zu überlassen. Würde man dagegen Schmerbergs Film den Ton abdrehen, könnte man erkennen, daß seine Bilder doch nur hektisch eine Leere abbilden. Es läßt sich auch ohne Lyrikverfilmungen ganz gut leben.

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