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Kino der Zukunft : Leinwandereignis und Film sind nicht dasselbe

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Soziale Zwickmühle: Das Kino „Zukunft“ zeigt immer wieder Filme, von denen nicht ganz klar ist, ob sie überhaupt ins Kino gehören Bild: privat

Konzerte und Sport erlebt man neuerdings im Kino, neue Filme dagegen mitunter in wohnzimmerartigen Nischen für Eingeweihte - eine vertraute Kinobesuchskultur steht vor ihrem Ende.

          Als ich mir neulich Joss Whedons „The Avengers“ im Kino ansah, kam ich mir ein wenig um meine Zeit geprellt vor. Der Film dauert 140 Minuten, für gewöhnlich keine Länge, derentwegen man eine Pause einschieben müsste. Doch hier gab es eine Unterbrechung von nahezu einer halben Stunde, während deren neue Wagenladungen Popcorn und Süßgetränke in den Saal geschafft wurden. Mit der Werbung und den Trailern, die es vorab gegeben hatte, dauerte „The Avengers“ also fast dreieinhalb Stunden, ein ganzer Abend, der ganz eindeutig mehr enthielt als nur einen Film.

          Wenige Tage später machte ich in Berlin einen Spaziergang aus Kreuzberg zum Ostkreuz. Dort hat vor einigen Monaten ein neues Kino mit dem Namen „Zukunft“ eröffnet, das ich mir einmal ansehen wollte. Die Gelegenheit bot der Dokumentarfilm „Meine Freiheit, deine Freiheit“ von Diana Näcke, das Porträt zweier drogensüchtiger Frauen, die in der JVA Lichtenberg in Berlin ihren Strafvollzug absolvierten und am Ende des Films auf freiem Fuß, aber keineswegs darauf vorbereitet sind. Außer mir waren vielleicht zehn weitere Gäste im Saal, um „Meine Freiheit, deine Freiheit“ zu sehen, der nach nur einer Woche schon wieder aus dem Programm verschwand. Wer sich dafür interessiert, muss auf eine Ausstrahlung im Fernsehen warten (Das kleine Fernsehspiel des ZDF ist involviert) oder kann auf der Crowdfundingseite Startnext 50 Euro geben - dafür gibt es später eine Sonderedition der DVD.

          Opern und Konzerte live

          Die beiden Kinoerlebnisse haben etwas miteinander zu tun, wenngleich nicht sofort klar ist, was genau. Aber schon der von Woche zu Woche unübersichtlicher werdende Startkalender mit jeweils bis zu 15 neuen Filmen lässt eindeutig erkennen, dass sich da zwei Begriffe von Kino ausdifferenzieren, die weit auseinanderliegen - und einen ähnlichen Abstand zu dem konventionellen Filmerlebnis haben, den das 20. Jahrhundert ausgeprägt hat. Im Falle der Blockbuster mit Überlänge und in 3D werden nicht nur die Kartenpreise angepasst, das ganze Drumherum dient einem Gesamterlebnis, das einem Besuch auf dem Rummel gleicht, mit Zuckerwatte und Tagada.

          Dazu passt, dass die großen Säle in den Multiplexkinos zunehmend den Charakter von Mehrzweckhallen annehmen. Denn durch neue Anbieter digitaler Inhalte werden nun nicht mehr nur Filme dort abgespielt, es werden auch Opern oder Konzerte live übertragen, und selbst Sportereignisse werden angeboten. Warum es mit dem Fußball beim Public Viewing besser klappt als im Dunkel eines Kinosaals, dürfte unmittelbar einleuchten und verweist seinerseits zurück auf die einmalige Erfahrung, die ein Filmpalast oder eine Lichtburg oder ihre weniger glamourösen, aber umso mehr durch Funktionalität überzeugenden Nachfolger in den Multiplexxen bieten. Die Sneak-Previews, bei denen sich Woche für Woche die kundigsten Fans des Mainstreamkinos vorab einen Film wie bei einem „blind date“ ansehen, bringen diesen Eventaspekt perfekt auf den Punkt: es geht darum, Einmaligkeit zu simulieren unter den Umständen maximaler Standardisierung des Erlebnisses. Die Chance, einen potentiellen Kassenhit noch vor dem Start sehen zu können, ist eine Entsprechung zu jener Exklusivität, die durch die Live-Übertragung einer Aufführung an der Metropolitan Opera in New York global vervielfacht (aber nicht eigentlich preisgegeben) wird. Großes Kino hat damit nur noch zum Teil mit (wie immer großen) Filmen zu tun.

          Für das Kino oder den Kulturkanal?

          Das Kino „Zukunft“ hingegen, und seine zahlreichen Pendants in deutschen Städten aller Größenordnung, zeigt immer wieder Filme, von denen nicht ganz klar ist, ob sie überhaupt ins Kino gehören. Selbst im Fall von „Meine Freiheit, deine Freiheit“ könnte man darüber diskutieren, wo dieser Film seinen eigentlichen Ort hat - im Fernsehen, in der Quasi-Wohnzimmersituation des Kinos „Zukunft“ oder vielleicht sogar auf einem Portal im Netz. In den europäischen Filmkulturen wurden bis vor noch gar nicht langer Zeit lange Debatten darüber geführt, ob das immer mitproduzierende Fernsehen nicht auf lange Sicht eine spezifische Filmästhetik zum Verschwinden bringen könnte. Auch diese Frage hat sich mit der Digitalisierung weitgehend erledigt.

          Inzwischen sind es eher soziale Aspekte, die Filmen einen Ort zuweisen. Das ist an Titeln wie „Sushi: The Global Catch“ oder „Work Hard Play Hard“ zu ersehen. In beiden Fällen geht es um politische Anliegen, um nachhaltigen Fischfang und um die Implikationen moderner Arbeitswelten. Der Kinostart ist hier Teil einer Mobilisierung für ein bestimmtes Anliegen. Das Kino wird an seinen Rändern als eine spezifische Öffentlichkeit erkannt, die im Grunde ähnlich funktioniert wie ein Link in einem sozialen Netzwerk. Und doch löst sich die Frage nach der Kinospezifizität nicht vollständig ins Soziale auf. Das wird aus der Erfolgsgeschichte der beiden Beispielfilme gut ersichtlich. „Sushi: The Global Catch“ ist eine sehr konventionelle Reportage, die auf einem Kulturkanal im Fernsehen oder sogar eher noch in einer Mediathek besser aufgehoben ist als im Kino. „Work Hard Play Hard“ hingegen ist ein dezidiert filmisch gedachtes Werk, das nach diesem Raum der Konzentration zu verlangen scheint, den das Kino nun einmal exklusiv bietet. Das Publikum scheint den Unterschied so ähnlich begriffen zu haben, denn die Einspielergebnisse weisen jeweils in eine bestimmte Richtung, und „Work Hard Play Hard“ ist in seiner Größenordnung nachgerade eine Erfolgsgeschichte.

          Für „Meine Freiheit, deine Freiheit“ von Diana Näcke weisen die einschlägigen Datenbanken insgesamt 513 Besucher aus. Das ist weniger, als „The Avengers“ bei mancher einzelnen Vorstellung erzielte. Aber in der kleinteiligen Aufmerksamkeitskultur, die uns umgibt, können diese 513 Zuschauer eine ganze Menge bedeuten. Es fragt sich nur, wo genau sie ihren Raum haben. Sicher ist bisher nur, dass es den Raum, den wir zuweilen immer noch wie selbstverständlich „das Kino“ nennen, nicht mehr gibt.

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